Sinnlich

In der 374. Ausgabe des Hoaxilla-Podcasts war der Physiker und Autor Florian Aigner zu Gast, um über sein neues Buch zu reden: »Die Wirklichkeit ist auch nicht wahr«. Wenn man die Podcasts der Hoaxillas hört, dazu zähle ich die Wildmics-Specials, die in ihrer aktuellen Iteration unter »Laberfeuer« bekannt sind, ebenfalls dazu, kennt man Florian Aigner bereits. Er ist regelmäßig zu Gast und besticht nicht nur durch sein Fachwissen, sondern durch sein Talent, dieses kurzweilig und unterhaltsam darzubieten, sodass sogar ich es verstehe. Nicht immer, aber meistens. Nun gab es für kurze Zeit die Chance, eine signierte Version des Buches zu bekommen, wenn man es bei Autorenwelt vorbestellt, was ich selbstverständlich kurzerhand getan habe.

Inzwischen liegt es also bei mir herum. Aber nicht nur das, ich lese sogar darin. Ich möchte nicht, dass dieses wunderbare Buch, ausgestattet mit tollen Illustrationen und witzigen Beispielen, auf meinem »Pile of Opportunity« vergammelt, sondern dass es sogar gelesen wird. Zwar habe ich zuvor Armin Thurnherrs Buch »Unsternstunden der Menschheit« erworben, aber manchmal muss man Prioritäten setzen. In »Die Wirklichkeit ist auch nicht wahr« geht es um unsere Sinne und wie wir die Welt wahrnehmen. Wie vielleicht die Wirklichkeit, die in unseren Köpfen entsteht, mehr der wirklichen Welt entspricht, als es die wirkliche Welt tatsächlich ist – oder so ähnlich. Beim Schreiben dieser Zeilen habe ich die ersten drei Kapitel gelesen und bin äußerst angetan. Florian Aigner hat mich schon in seinem ersten Kapitel, wo er einen groben Überblick über den Inhalt des Buches gibt und worum es in den folgenden knapp über 200 Seiten gehen soll.

Besonders gut gefällt mir sein anfänglicher Vergleich mit dem Röhrenwurm. Wenn ich ein guter Leser wäre, hätte ich mir vielleicht ein paar Stellen markiert oder gar notiert, die ich nun wie ein professioneller Rezensent wiedergeben, sprich: zitieren könnte, aber wer will hier schon professionell sein. Vielleicht interpretiere ich in seine Worte zu viel hinein, aber mir hat es hervorragend gefallen, wie er geschrieben hat, dass wir uns schlichtweg nicht vorstellen können, wie die Welt eines Röhrenwurms aussieht. Wir können darüber nachdenken und beschreiben, wie dessen Sinne funktionieren, aber über seine „Gedankenwelt“ oder „Sinneswelt“, wenn man diese so bezeichnen möchte, haben wir offen gestanden keinen blassen Schimmer. Das kann man auf alle Tiere ausweiten. Wir können es uns einfach nicht vorstellen oder uns in sie hineinversetzen. Für mich war das eine kleine Kritik an der oft menschlichen Sichtweise, die wir vorwiegend unseren Haustieren aufzwingen. Das ist bisweilen süß und in Ordnung, aber oft auch übertrieben bis gefährlich.

Wenn ich mich recht entsinne, war dies nur ein Nebensatz oder eine Nebenbemerkung, aber das hat bei mir schon ausgereicht, um mich zum Nachdenken anzuregen. Wie das Beispiel des Röhrenwurms sind sämtliche Erklärungen in dem Buch plastisch und gut gewählt. Florian Aigner dampft komplexe Dinge auf ihren Kern zusammen und erklärt sie, ohne irgendwelche an den Haaren herbeigezogenen Metaphern oder Vergleiche zu bemühen. Wenn Autor*innen das machen, wirkt das oft erzwungen und unnötig. So als müsste man einem Vogelküken die Nahrung vorkauen, damit es auch wirklich von allen und jedem verstanden wird. Wenn man Dinge verständlich erklären kann, ist das nicht notwendig. Und Florian Aigner kann das. Die Illustrationen tun ihr Übriges, damit es zu einer kurzweiligen Literatur wird. In den nächsten Tagen werde ich sicherlich mit dem Buch durch sein. Aber ich konnte mich nicht zurückhalten und musste darüber schreiben. Vielleicht gibt es noch einen Folgetext, aber eine Leseempfehlung ist »Die Wirklichkeit ist auch nicht wahr« in jedem Fall.