Was kann an »König der Löwen« schon falsch sein? Das Musical ist berühmt, der Animationsfilm ohnehin und auch die „Realfilm“-Neuauflage von Disney kann man sich gut anschauen. Also, warum nicht im Festspielhaus ein Konzert mit der Oscar-prämierten Musik genießen? Das habe ich mit Freund J. vergangenen Sonntag gemacht. Ich hatte keinerlei Erwartungen an das, was mir dort geboten werden würde. Um ehrlich zu sein, wusste ich auch nicht, was mich konkret erwartet. Ich lasse mich gerne überraschen. Doch selbst ohne Erwartungen hatte ich es mir am Ende besser vorgestellt und wurde enttäuscht.
Dieses Musical/Orchester wirkt überbordend mit Ideen. Ganz so, als hätte jemand gefehlt, der „nein“ sagt und etwas Struktur hineinbringt. Denn die meiste Zeit über scheint es so, als würden verschiedene Produktionen gegeneinander konkurrieren. Buchstäblich werden die rechten drei Viertel der Bühne vom Orchester eingenommen. In klassischem Schwarz gekleidete Menschen, die mit ihren Instrumenten den ikonischen Soundtrack spielen. Im letzten Viertel, ganz links, stehen ein Haufen barfüßige Hippies um drei Mikrofone und versuchen, durch Ausdruckstanz, Schreien und rituelle Tänze emotionale Reaktionen hervorzurufen. Und ja, es waren wirklich barfüßige Hippies. Also in Blumenkleidern gewickelte Menschen, die etwas high wirken und nicht den Eindruck erwecken, als hätten sie einen Plan, was sie die ganze Zeit über machen sollen.
Dann kommen die Protagonist*innen. Quasi die Hauptsänger*innen. Leider erfährt man nie deren Namen, also muss ich mich mit Beschreibungen begnügen. Anfangs waren es drei. Ein Mann und zwei Frauen, die die gesamten Rollen unter sich aufteilen. Allerdings kommen zwischendurch auch andere auf die Bühne, die man zuvor noch nie gesehen hat und die sich auch nicht aus dem Hippie-Chor hervortun, was die ganze Inszenierung verwirrt und einen immer wieder herausreißt. Das Problem ist, dass der Hauptsänger wirkliches Talent hat. Das merkt man besonders in der zweiten Hälfte der Show. Allerdings ist der komplette Bühnenaufbau darum bemüht, den Fokus immer wieder von ihm und den anderen Sänger*innen wegzuziehen. Der Hippie-Chor lenkt mit seinen unförmigen Bewegungen und bunten Kleidern ab. Dadurch haben die Sänger*innen die meiste Zeit über null Bühnenpräsenz. Hinzu kommt, dass niemand sich über die Beleuchtung Gedanken gemacht hat. Der Hippie-Chor ist die meiste Zeit hell erleuchtet, während die Sänger*innen im Halbdunkel um Aufmerksamkeit kämpfen.
Was natürlich der ganzen Sache auch nicht zuträglich ist, ist ein überbordend agierender Dirigent. Nicht nur einmal überlässt er das Orchester sich selbst und fängt an, selbst Instrumente zu spielen. Das klingt auf dem Papier vielleicht cool und modern, in Wirklichkeit lenkt es ungemein vom Hauptgeschehen ab. Der Gipfel des Ganzen war, als sich der Dirigent mit dem Saxofon mitten ins Publikum stellte und sich die Seele aus dem Leib spielte, während die erste Geige seinen Part übernahm und das Orchester dirigierte. Ich habe beim besten Willen nicht verstanden, was auf dieser Bühne passiert und wer das so freigegeben hat.
Aber zumindest, könnte man jetzt sagen, ist es „König der Löwen“, eine schöne Geschichte. Prinzipiell stimmt das. Doch auch hier scheitert diese Inszenierung. Die Geschichte wird nämlich nicht in chronologischer Reihenfolge erzählt. Allein in der ersten Hälfte hatte es den Anschein, als sei Mufasa mindestens dreimal gestorben, bevor im zweiten Teil die berühmte Szene seines Todes vollkommen vermasselt wurde. Denn parallel zur Musik, dem Hippie-Chor und den Sänger*innen, die alle um Aufmerksamkeit des Publikums kämpften, gab es im Hintergrund noch schlecht gezeichnete Animationen. Es trägt auch nicht gerade dazu bei, dass ständig zwischen genuscheltem Deutsch und Englisch gewechselt wird. Wenn Der König der Löwen nicht einer der ikonischsten Filme Disneys wäre, wüsste ich am Ende dieser Inszenierung beim besten Willen nicht, worum es geht.
Es gibt allerdings Lichtblicke. Im zweiten Teil sieht man immer wieder das Potenzial, das in dieser Inszenierung steckt. Plötzlich werden zwischen den Animationen Erklärungen eingeblendet, was in der Geschichte passiert. Leider viel zu spät, aber man hat auf einmal einen Überblick. Das Orchester und der Hippie-Chor werden in diskretes, dunkelblaues Licht getaucht, und der Hauptsänger wird mit einem Scheinwerfer fokussiert. Plötzlich hat er eine Bühnenpräsenz und man erkennt sein wahres Talent. Das dauert aber bedauerlicherweise nur maximal 10 Minuten, dann fängt das Durcheinander von vorn an.
Ich verstehe nicht, warum man das Orchester nicht mittig platziert. Der Chor, am besten in einheitlicher Kleidung, gehört entweder hinter dem Orchester oder von mir aus links und rechts davon. Dadurch können sich die Sänger*innen freier bewegen und haben Platz auf der Bühne, die Szenen auszuspielen. Lasst die Beleuchtung bitte ständig auf die Sänger*innen gerichtet und den Dirigenten dort, wo er hingehört: vor dem Orchester, dirigierend. Manche Songs werden zweimal von unterschiedlichen Personen gesungen und am Ende dürfen sich die einzelnen Parteien nicht vor dem Publikum verbeugen, wie es normalerweise gemacht wird. Es ist sehr konfus.
Diese Inszenierung von König der Löwen hat tatsächlich Potenzial. Aber so, wie es aktuell aufgeführt wird, wirkt es unfertig, improvisiert und unstrukturiert. Das Talent ist da. Vor allem vom Hauptsänger und dem Orchester. Es scheitert allerdings daran, dass die einzelnen Teile nicht zusammenarbeiten, sondern gegeneinander um die Aufmerksamkeit des Publikums konkurrieren. Auf vielen Ebenen ein einzigartiges Erlebnis.
