Marketing at its best

Ich bin aktuell großer Fan der Billa-Eigenmarke »simply good«, wenn man das als Eigenmarke bezeichnen möchte. Es gibt davon Joghurts mit Kefir, Müsli, Birchermüsli, Beerenmix, Chiasamen und so weiter. Eine breite Auswahl. Es gibt auch diverse Salate oder Bowls, die ich sehr empfehlen kann und die aktuell mein liebstes Mittagessen sind. Zwar sind diese Bowls auf der teureren Seite, aber sie sind immerhin ein komplettes Mahl, ersparen mir die Zeit, es selbst zu machen, und ich habe nicht etliche Reste zu Hause, die ich kaum verarbeitet bekomme und am Ende wegwerfe. Also eine hervorragende Gedankenspielerei, um mir schön einzureden, dass ich sie mir kaufen kann. Sie schmecken aber bislang alle köstlich. Worüber ich allerdings immer wieder stolpere und was ich mir wiederholt durchlese, ist das aufgeklebte Label.

Sie wollen immerhin bewerben, dass es nur aus natürlichen Zutaten besteht, keine »Chemie« drin ist, wie man im Marketing von Lebensmitteln ja so gerne sagt, und dergleichen. Besonders drei Hauptpunkte möchten sie auf dem Label bewerben, die NICHT enthalten sind: Farbzusatz, Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker. Fett über diesen drei Punkten steht »Frei von«. So weit, so gut. Man versteht also: Dieses Produkt ist frei von den genannten Punkten. Jetzt ist aber, ich nehme mal an im Marketing, jemand draufgekommen, dass die Marke »simply good« für das Versprechen steht, dass die genannten drei Punkte nicht in den Produkten enthalten sind. Was war also die Lösung, die sich jemand am Freitagnachmittag hat einfallen lassen und schnell noch vom Chef freigeben ließ, bevor dieser für drei Wochen im Urlaub ist? Richtig, man ergänzt unter »Frei von« noch das Wort »Versprechen«.

Fassen wir also zusammen: In großen, fetten Lettern steht »Frei von«, darunter, etwas kleiner und dünner, findet man das Wort »Versprechen«, und dann werden folgende Dinge aufgezählt: Farbzusatz, Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker. Als pedantischer Redakteur, der seit insgesamt über 12 Jahren als technischer Redakteur arbeitet und seit über 10 Jahren Texte für Blogs schreibt, könnte ich nun bemängeln, dass die Lesart verwirrend ist. Ist das Produkt nun frei von Versprechen, enthält also die drei genannten Punkte, oder ist das Versprechen, dass das Produkt frei von den drei genannten Punkten ist? Wobei dann die Wortwahl falsch herum ist, trotzdem verwirrend bleibt und eigentlich überhaupt keinen Sinn ergibt. Das i-Tüpfelchen ist, dass die drei Punkte nicht mit einfachen Punkten aufgezählt werden, sondern mit Häkchen. Hakt also der imaginäre Produzent ab, dass diese Versprechen drin sind? Aber so kleinkariert wollen wir nun auch wieder nicht sein.

Habe ich gerade wirklich einen 400 Worte umfassenden Text zu einem Aufkleber auf einem Billa-Produkt geschrieben? Ja. Habe ich eventuell spannendere Themen auf meiner Liste, über die ich schreiben könnte? Ebenfalls ja. Muss ich aber trotzdem darüber schreiben, weil sonst mein kleines Redakteurs- und Bloggerherz weint? Oh ja!