Und plötzlich liest man mehr Klassiker. Sartre, Dürrenmatt, Büchner, von Kleist, Frisch und mehr stehen im Regal und warten darauf, gelesen zu werden. Dialoge, die man analysieren und von denen man sich inspirieren lassen kann. Seit Langem brenne ich wieder für Literatur. Nicht nur „ein gutes Buch“ lesen, das gehört selbstverständlich immer dazu, sondern sich eingehender damit zu befassen. Mit Bleistift und dem gedruckten Buch dazusitzen, reinzukritzeln – ja, man schreibt in Bücher rein, deal with it –, Notizen zu machen und am Ende zu versuchen, es mit eigenen Charakteren nachzuahmen. Welch ein Vergnügen. Den Anfang macht allerdings Yasmina Reza mit ihrem Theaterstück „Kunst“.
Eigentlich wollte ich nur kurz reinlesen. Es war ein langer Tag, ich war müde, aber liegen lassen wollte ich es auch nicht. Knapp über eineinhalb Stunden später war ich bei der letzten Seite angekommen. Immerhin handelt es sich um ein Theaterstück, das heißt, es ist ohnehin kein 600-seitiger Wälzer und lässt sich entsprechend schnell durchlesen. Was allerdings fesselt, sind die Figuren. Durch Reza entdecke ich gerade, wie viel Freude es machen kann, Theaterstücke zu lesen. Der Inhalt ist heruntergebrochen auf ein Minimum: Dialoge, vielleicht noch ein paar Notizen über Bühnengestaltung und einzelne Regieanweisungen. Ansonsten hat man das pure Vergnügen pointiert geschriebener Dialoge.
Und wie schnell es Reza schafft, ihre drei Protagonisten lebhaft, real und spannend wirken zu lassen. Man hat das Gefühl, es mit echten Menschen zu tun zu haben. Ich vermute, Reza hat sehr viele Notizen und Ideen dazu, wie die Biografie jedes einzelnen der drei Männer aussieht. Wir bekommen nur diesen Abschnitt ihres Lebens zu sehen. Aber dadurch, dass sie eine „Vergangenheit“ haben, können sie sich darauf beziehen. Sie haben Meinungen, Einstellungen, kennen sich seit Jahren und das spürt man in jeder einzelnen Zeile. Je länger man liest, desto mehr wird man in den Sog der Geschichte hineingezogen. Und alles dreht sich immer nur um ein weißes Bild mit weißen Streifen. Genial.
Ich freue mich schon darauf, einzelne Passagen herauszuziehen, zu analysieren, warum es funktioniert, und beim Versuch, es nachzuahmen, kläglich zu scheitern. Literatur kann so viel Spaß machen. Natürlich habe ich auch weiterhin meine Freude an „Dungeon Crawler Carl“, aber das hat andere Reize. Coole Charaktere, eine verrückte Welt und tolle Dialoge. Aber ich lese es eben auf Englisch. Auf Deutsch zu lesen, egal ob Übersetzung oder auch Originaltexte, beeinflusst unmittelbarer, wie ich selbst schreibe, wie meine Figuren sprechen und woher ich meine Inspiration nehme.
