Werdet erwachsen

Kevin Recher hat am 12. August eine Glosse im Standard veröffentlicht, mit dem wundervollen Titel „Expecto Adultum – Liebe Harry-Potter-Fans, reißt euch zusammen und werdet endlich erwachsen!“. Ein schön unkontroverses Thema also. Herrlich. Mittlerweile behalte ich mein DerStandard-Abo allein schon deswegen, weil mir dieses journalistische Angebot immer wieder tolle Aufhänger, Ideen und Inspirationen für eigene Texte bietet.

Als ich die Glosse durchlas, war ich am Ende geneigt, dem Autor zuzustimmen. Bis ich merkte, warum das so ist: die unsägliche Autorin, deren Namen wir nicht nennen wollen. Mit ihrer Stellung in der Gesellschaft könnte sie viel Gutes tun. Sie hat Macht, Geld und Ansehen (gehabt). Sie hat eine Generation geprägt. Stattdessen nutzt sie ihre enorme Reichweite für Aussagen, die Transmenschen abwerten und verletzen. Damit hat sie nicht nur viele Menschen enttäuscht, sondern auch eine komplette Fanbase erschüttert. Ein Youtuber hat es sehr passend formuliert:

Was wäre, wenn nun über Stan Lee oder Jack „The King“ Kirby herauskommen würde, dass sie homophobe, rassistische rechte Idioten gewesen sind? Ich hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als er das so erklärt hat, weil ich in dem Moment verstand, was das Verhalten der Autorin für Fans von Harry Potter bedeutet. Man hat ein gutes Stück seines Lebens damit verbracht, Fan von etwas zu sein, sich in die Geschichten hineinversetzt, hat vielleicht vor Buchläden und Kinos angestanden. Hat sich eventuell zu dem Menschen gemausert, der man ist, weil diese tolle Erzählung einen über Jahre geprägt hat. Wie bei mir und Marvel. Ich kann mich nicht erinnern, kein Fan von Marvel gewesen zu sein; seien es die Filme oder Comics. Das heißt nicht, dass man nie kritisch ist, aber trotzdem ist man Fan. Wenn nun das Fundament, auf dem das alles aufgebaut ist, zu zerbrechen drohen würde – ich wüsste nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Wie dem auch sei. Die problematische Autorin spricht Recher in seinem Text an, was ich positiv finde. Mit meiner kleinen Abschweifung wollte ich nur darstellen, warum ich erst so gewillt war, ihm zuzustimmen. Ich weiß nicht, was dem Autor des Textes widerfahren ist, aber er sollte sich nicht an anderen auslassen, vor allem wenn diese mit ihrem Verhalten niemandem schaden. Zwischen den Zeilen hört man einen verbitterten Menschen heraus, der nicht mehr nachvollziehen kann, was es bedeutet, von etwas ein Fan zu sein. Sich für etwas zu begeistern und das auch mit anderen zu feiern. Was solls, wenn andere in ihren Umhängen herumlaufen und sich einmal im Jahr irgendwo treffen und mit Holzstäben spielen? Sollen wir uns alle stets mit der bitteren Realität auseinandersetzen und weinend im Keller sitzen, vorbereitet für die Apokalypse? Fuck you!

Denkt Recher auch so über Star-Wars-Fans, die verkleidet zur Premiere von „The Force Awakens“ gegangen sind? Oder über Star-Trek-Fans oder über Pokémon-Fans oder all die anderen Franchise, Marken und Geschichten, von denen man Fan sein kann? Ich hoffe sehr, dass ich nie die Fähigkeit verliere, Fan von etwas zu sein. Mich für ein Thema, ein Genre, ein Franchise, eine Story zu begeistern, ist großartig. Hallo? Ich verbringe viel Freizeit damit, einen täglichen Blog zu schreiben, und starte immer wieder irrsinnige Projekte, bei denen ich dieser Seite von mir freien Lauf lasse. MCU, Supernatural, Invincible, Comics, X-Men, Warhammer, Klemmbausteine, Manga, das Schreiben an sich, Bücher, Filme, Serien, Sport, Kultur, Geschichte, Theater und all die anderen Aspekte, die uns zu dem machen, was wir sind. Ich möchte nie die Fähigkeit verlieren, mich einen ganzen Abend lang über Nerd-Themen auszutauschen. Nicht weil ich die Realität verweigere, sondern gerade deswegen.

Ich habe „Endgame“ mehrfach im Kino gesehen und als Captain America gegen Ende flüsterte „Avengers Assemble“, hatte ich jedes Mal Tränen in den Augen, weil es bedeutete, dass eine jahrelange Reise, die diesen einen Moment vorbereitet hat, bald zu Ende sein wird. Ich habe jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke und während ich diese Zeilen schreibe. Ich verkleide mich vielleicht nicht oder gehe jedes Jahr mit religiösem Eifer auf Conventions, aber bei Gott, bin ich Nerd und Fan und lasse mich gerne von etwas mitreißen.

Ich liebe diese Seite an mir. Sie macht mich zu dem, der ich bin. Ich schade niemandem damit, es bereitet mir unfassbar viel Freude, ist nicht immer einfach, aber trotzdem liebe ich es. Die Welt wäre eine bessere, wenn es mehr Nerds gäbe. Mehr Menschen, die das, was in den Geschichten, die sie lieben, steckt, leben und nachahmen. Toleranz, Gleichberechtigung, Minderheiten schützen und so viel mehr – all das kommt in den besten Narrativen vor. Franchise sind nicht nur, was uns die kreativen Menschen dahinter geben, sondern was Fans daraus machen. Lang leben die Nerds.