Die Wunderübung – Daniel Glattauer

Ein Theaterstück über ein Paar beim Therapeuten. Ich habe mir schon überlegt, ob ich etwas anderes lesen soll. An dem Nachmittag wusste ich nicht genau, ob ich auf so etwas Lust habe. Obwohl Komödie draufsteht, klingt es nach einem eher schwierigen Stück. Aber da mich gerade nichts anderes angesprochen hat, nahm ich das Buch in die Hand, setzte mich auf die Bank vors Haus und begann zu lesen. Nicht einmal zwei Stunden später blätterte ich die letzte Seite um, schmunzelnd. Was habe ich da gerade gelesen?

Je mehr Theaterstücke ich konsumiere, desto mehr gefällt mir das Format. Ich hätte mir nie träumen lassen, so sehr in den Bann einer Geschichte gezogen zu werden, und das alles durch reinen, puren Dialog. Natürlich gibt es Regieanweisungen. Besonders „Die Wunderübung“ hat drei bis vier Stellen, an denen Glattauer ausführlicher beschreibt, was die Personen auf der Bühne machen. Selbst das ist allerdings auf das Wesentliche reduziert und trägt rein dazu bei, die Geschichte voranzutreiben. Genauer gesagt: etwas über die Charaktere auszusagen. Vielleicht schreibe ich die ersten Testszenen meiner Geschichtsidee als eine Art Theaterstück. Sehe quasi jede Szene als eine Bühne und gebe meinen „Schauspielern“ nur ein paar Regieanweisungen an die Hand. Der Rest soll über die Dialoge funktionieren. Später kann man immer noch Prosa ergänzen. Es fasziniert mich, welche Fülle an Ideen durch ein Theaterstück ausgelöst werden kann.

Mehr noch als in den bisherigen beiden Stücken, die ich gelesen habe, begeistern mich die Charaktere in „Die Wunderübung“. Bei „Kunst“ verhandeln die drei Freunde ihre Beziehung zueinander, aber eben über Stellvertreterkriege. Das weiße Bild mit weißen Streifen ist lediglich ein Katalysator. Es bringt sie dazu, zu interagieren und überhaupt erst darüber zu reden. In „Geschlossene Gesellschaft“ treffen drei fremde Personen aufeinander, die sich niemals verstehen werden und die sich offenen Auges in den Flammen der Hölle suhlen. „Die Wunderübung“ ist wieder anders. Hier ist ein Ehepaar, das seine beste Zeit hinter sich zu haben scheint. Sie streiten permanent, werden laut, ihre Kinder leiden darunter, beide hatten scheinbar schon Affären und man fragt sich zu Recht: Warum sind die noch zusammen?

Im Laufe des Stücks schälen sich die oberflächlichen Schichten ab und darunter kommt eine komplexe Dynamik zum Vorschein. Man fragt sich, ob sie sich nicht irgendwie vertragen können. Was ist eigentlich genau ihr Problem? Das erfährt man nie so richtig, wie es wahrscheinlich realistischerweise der Fall ist. Beide nennen zwar die Probleme, die sie mit der anderen Person haben, doch greifbar sind diese Gründe nicht. Sie sind es gewohnt, gegeneinander zu arbeiten und nicht mehr miteinander. Erst ein Ereignis während der Sitzung führt dazu, dass sie langsam wieder versuchen, sich anzunähern. Diesen Switch fand ich erstaunlich gut gemacht. Er kommt hinterhältig, aber doch offensichtlich. Die Dynamik verändert sich plötzlich. Trotzdem bleibt alles nachvollziehbar.

Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich in einem Buch über Dialoge gelesen, dass Wiederholungen zu unterlassen sind. Zumindest sollen sie so weit wie möglich vermieden werden. In „Die Wunderübung“ gehören sie jedoch teils zum Konzept und machen den Konflikt der Charaktere noch einmal greifbarer. Man äfft sich gegenseitig nach, jemand stottert dahin, Fragen werden aus Unsicherheit wiederholt und so weiter. Sofort hat man die Charaktere besser im Kopf und sie wirken echter.

Ich versuche, soweit es geht, ohne große Erwartungshaltung in Theater, Musicals, Filme, Serien etc. hineinzugehen. Deshalb schaue ich ungern Trailer mehrfach. Einer reicht, um mein Interesse zu wecken. Bis der Film rauskommt, habe ich das meiste schon wieder vergessen und ich kann die Vorstellung frisch genießen. Ich habe mich noch nie wirklich mit Theaterstücken beschäftigt und habe mich bei der Recherche, was ich lesen könnte, auf Empfehlungen verlassen. Ich lese keine großartigen Zusammenfassungen, aber die Tagline bekommt man meistens mit. So wie bei „Die Wunderübung“: Ein Paar beim Therapeuten. Meine Erwartung war vollkommen daneben. Es ist witzig geschrieben, aufschlussreich, sehr dynamisch und rasant, aber auch langsam und innehaltend. Diese Mischung macht ein gutes Stück aus.