Menschen haben manchmal schon seltsame Ansichten. Ich weiß, in der aktuellen Weltlage eine erstaunlich geistreiche Beobachtung. Ich klopfe mir auch gerade selbst auf die Schulter und bin stolz auf mich. Allerdings geht es mir nicht um das große Ganze, sondern eher um einen kleinen Ausschnitt menschlichen Verhaltens, der mir in letzter Zeit des Öfteren aufgefallen ist. Es scheint fast so zu sein, dass neue Gewohnheiten oder Vorlieben rasch als selbstverständlich wahrgenommen werden. Das, gepaart mit dem üblich ruppigen Verhalten, welches in YouTube-Kommentaren zu finden ist, ergibt eine belustigende Mischung. Doch worum geht es?
Wie regelmäßige Besucher*innen dieses Blogs vielleicht wissen, bin ich der Marke BlueBrixx recht angetan. Dabei handelt es sich um einen Klemmbausteinhersteller mit Sitz in Deutschland. Im Bereich der Klemmbausteine sind sie relativ frisch unterwegs, verbessern sich allerdings sichtlich Jahr für Jahr und konnten sich einen guten Ruf aufbauen. Das gelingt ihnen zum einen über einen gut geführten YouTube-Kanal. Dort stellen sie aktuelle Neuheiten vor, reagieren auf Feedback der Community und veranstalten regelmäßige Q&As. Die Menschen vor der Kamera sind sympathisch, brennen für die Themenbereiche und man merkt bei den Präsentationen, dass sie sichtlich Freude an ihrer Arbeit haben.
Besonders hervorgetan hat sich BlueBrixx durch Mittelaltergebäude, die mit sehr viel Liebe zum Detail gestaltet sind. Wenn man sich all die Sets, die in der Serie bisher erschienen sind, zulegen würde, bräuchte man ein großes Zimmer und könnte ein gewaltiges Diorama aufbauen. Seit kurzem hat BlueBrixx sogar eigene Minifiguren, die sie in immer mehr Themenwelten ausrollen und mit denen man die Welt bevölkern kann. Natürlich ist BlueBrixx nicht ohne Schwächen, besonders der Kundenservice gerät oft ins Kreuzfeuer und anfangs war die Qualität der Steine noch nicht von angemessener Qualität. Doch durch neue Lieferanten und Partnerschaften konnten die anfänglichen Qualitätsprobleme mittlerweile beseitigt werden. Ich würde sie jederzeit dem dänischen Markführer vorziehen, aber das hat noch weitaus mehr Gründe, auf die ich aber heute nicht eingehen möchte.
In der Welt des Mittelalters von BlueBrixx ist besonders ein Gebäude geradezu berühmt-berüchtigt: die Burg Blaustein. Anfänglich ein eher kleines Set mit 5.000 Teilen ist mit diversen Erweiterungen mittlerweile ein knapp 30.000 Teile umfassendes Monster daraus geworden und es scheint noch kein Ende in Sicht zu sein. Doch die Burg ist langsam nicht mehr zu bewältigen. Sie ist schwer, massig und eher schlecht zu tragen. Wenn sie steht, dann steht sie. Der Ausbau scheint sich, auch wenn man es sich vielleicht nicht eingestehen möchte, dem Ende zu nähern. Mal sehen, was noch kommen mag. Das nächste größere Projekt steht allerdings schon in den Startlöchern: Kloster Blaubrunn. Wie bei Burg Blaustein soll man die Entwicklung des Klosters über die Jahrhunderte begleiten. Irgendwann entsteht sicherlich eine prächtige Anlage. Doch eines hat sich an der Präsentation entscheidend geändert: die Verpackung und das Anleitungsdesign.
Burg Blaustein ist unter der Eigenmarke BlueBrixx Special vertrieben worden und wird auch noch mit diesem verkauft. Man bekommt schlichte, designfreie Kartons, die randvoll mit Klemmbausteinen sind. Die Anleitungen sind nur als PDF verfügbar und von der Webseite herunterzuladen. An sich praktisch. Man spart sich Papier und kann mit dem Tablet bauen. Kloster Blaubrunn allerdings wird über die Eigenmarke BlueBrixx Pro verkauft. Die Kartons sind hochwertiger, verfügen über ein ansprechendes Design und die Anleitung liegt gedruckt bei. Warum sie das nun geändert haben, kann ich nicht nachvollziehen, aber es ist eben so. Bisher kann man die Anleitungen der Pro-Sets leider (noch) nicht als PDF herunterladen. Es soll scheinbar eine Downloadfunktion kommen, aber wann das so weit ist, weiß man nicht.
Bei den Produktvideos für die ersten beiden Sets von Kloster Blaubrunn liest man immer wieder, wie begeistert die Kundinnen und Kunden doch von den Sets sind. Man muss für zukünftige Umbauten nicht so viel zerlegen, wie bei Burg Blaustein (auch wenn ich das sehr gerne so gehabt hätte), es sind Figuren dabei und die größere Modularität sei zu begrüßen. Das Team hat sich außerdem eine kleine Geschichte dazu überlegt, was ich sehr begrüße und die Welt rund um Blaustein und Blaubrunn lebendiger wirken lässt. Was allerdings erstaunlich oft auf diese Beglückwünschungen folgt, ist ein großes „aber“. Denn man würde sich das Set so nicht kaufen können, denn die Anleitung ist ja gedruckt beigelegt und noch gibt es keine Möglichkeit, diese digital herunterzuladen. Ich finde das eine erstaunliche Argumentation, etwas nicht zu kaufen, von dem man sichtlich ein Fan ist, das man gerne hätte, dafür sogar einen YouTube-Kommentar hinterlässt, es allerdings schließlich an der Form der Anleitung scheitert.
Wie gesagt, ist BlueBrixx eine noch recht junge Firma. Es ist von den neueren Marken eine der wenigen, die Anleitungen digital zur Verfügung stellen (eben bei den Specials). Kauft man Sets von Cobi, Funwhole, Pantasy, Cada und Co. liegt stets eine gedruckte Anleitung bei. Ich weiß nicht einmal, ob man digitale Anleitungen dieser Marken bekommt. Es ist mir auch egal. Es geht mir um den Bau der Sets. Um die Freude beim Aufbauen und das Entdecken der netten Details. Haben wir nicht alle als Kinder und Jugendliche die Sets mit gedruckten Anleitungen gebaut aus dem schlichten Grund heraus, dass es die digitale Infrastruktur nicht zuließ, Megabyte an PDFs herunterzuladen? Ist die Art der Anleitung so essenziell wichtig, dass man sich einem Produkt verwehrt, von dem man sichtlich Freude für sich herausziehen kann und das einen über Jahre begleiten wird? Besonders wenn man schon andere Sets zu Hause hat und das Kloster wunderbar als Ergänzung dienen würde?
An meiner Blaustein baue ich schon mehrere Jahre, weil immer wieder Sets erscheinen. Vom neuen Kloster erwarte ich mir etwas Ähnliches. Man fasst es immer wieder an, baut es um, ergänzt vielleicht eigene Ideen und Erweiterungen. Vielleicht hat man ein Diorama zu Hause, wo man es einbauen kann. Vielleicht zerlegt man es und baut die zig-tausend Teile erneut auf und verzweifelt etwas, weil man das eine spezielle Teil unter den tausenden anderen nicht mehr findet (nicht, dass ich so etwas schon einmal gemacht hätte oder mir etwas in der Form passiert wäre). Wenn ich so darüber nachdenke, finde ich die gedruckte Anleitung sogar ganz nett, weil man immer wieder darin blättern kann, anstatt auf einem Bildschirm herumzuscrollen. Ich mag beide Versionen von Anleitungen. Mir ist es egal, wie ich baue, solange das Set gut konstruiert ist und mir Freude bereitet. Dass man sich derart selbst blockiert und etwas verwehrt, finde ich äußerst erstaunlich. Könnte man mit einer klassischen, gedruckten Anleitung nicht noch etwas mehr das Gefühl von früher hervorrufen? Ich freue mich jedenfalls auf das Kloster und vielleicht liegen die ersten beiden Sets aktuell neben mir und warten nur darauf, gebaut zu werden.
