Silver Linings

Gott, was für ein nerviger Charakter. Das war etwa der Gedanke, der mich die erste halbe Stunde des Films über beschäftigt hat. Pat, gespielt von Bradley Cooper, ist chaotisch, laut, wirr, wild, aufbrausend, unfassbar ehrlich, sodass es wehtut und leider furchtbar gut porträtiert. Cooper vermittelt einen wunderbaren Eindruck des Charakters mit all seinen Macken und Kanten. Das macht es zwar grundsätzlich nicht weniger anstrengend, aber zieht einen doch mehr in den Film hinein, wenn man das würdigen kann. Es ist geniales Schauspiel, das man geliefert bekommt von allen Beteiligten.

Jennifer Lawrences Charakter Tiffany hat wie Pat mit psychischen Problemen zu kämpfen, aber Lawrence spielt es erfrischend anders. So bekommt man zwei wunderbare Beispiele geliefert. Vor allem ist sie mehr mit sich im Reinen. Sie weiß, wer sie ist, was sie hat, und kann damit gut umgehen. Pat ist noch nicht so weit. Er musste acht Monate in einer psychiatrischen Klinik verbringen und denkt permanent über seine Frau nach, die ihn allerdings nie besucht und zudem betrogen hat. Sie ist ein Anker, an dem er sich festhält, dabei ist sie schon längst weitergezogen.

„Silver Linings Playbook“, auf Deutsch „Silver Linings“ (das muss niemand verstehen) ist ein großartiger Film, der bereits 14 Jahre auf dem Buckel hat. Allerdings merkt man ihm das ganz und gar nicht an. Themen wie psychische Gesundheit sind heute noch genauso aktuell und werden stets zeitlos bleiben. Regie und Drehbuch stammen von David O. Russell. Musik von Danny Elfman. In weiteren Rollen sehen wir Robert De Niro als Pat Sr., Jacki Weaver als Dolores, Chris Tucker als Danny und Anupam Kher als Dr. Cliff Patel. Der Film war in 8 Kategorien für den Oscar nominiert, Jennifer Lawrence bekam ihn als beste Hauptdarstellerin.

Ich befinde mich gerade auf einem kleinen Dialogtrip, wenn man so möchte. Ich habe noch nicht viel analysiert oder geschrieben. Allerdings bin ich in der Phase, in der ich es genieße, Bücher und Filme zu konsumieren, die durch pointiertes Drehbuch oder Skript überzeugen. „Silver Linings“ gehört auf jeden Fall dazu. Besonders beeindruckt haben mich die Szenen, in denen mehrere Personen gleichzeitig ihre Agenden durchsetzen wollen, sich zu streiten anfangen, wieder versöhnen, ein bisschen mehr streiten und sich dann in den Armen liegen. Es sollte chaotisch sein, ist es auch, trotzdem hat man einen wunderbaren Überblick, wer was will und wofür kämpft. Pat hält mit seiner Art alle auf Trab, nervt seine Eltern genauso wie mich – eher mehr. Dabei will sein Vater nur mehr Zeit mit seinem Sohn verbringen, was er diesem in einer herzzerreißenden Szene offenbart. Robert De Niro spielt Pat Sr. vorwiegend subtil, aber genau darin liegt die Stärke der Darstellung. Jacki Weaver als dessen Ehefrau steht ihm in nichts nach.

Mir gefällt, dass Pat oder auch Tiffany am Ende nicht als geheilt gelten oder irgendwas in der Richtung. Ihre Krankheit, genauer gesagt ihre psychischen Probleme, werden ernst genommen. Durch den Deal mit der Tanzshow hat Pat etwas, auf das er sich konzentrieren kann. Es gibt ihm Fokus, erfordert Disziplin und ein Ziel, auf das er hinarbeitet. Ich hoffe, der Charakter kann das in seinem zukünftigen Leben einsetzen. Es braucht nicht immer Heilung, manchmal reicht es, einen Umgang damit zu finden. Was mir auf der anderen Seite an Tiffany so gut gefällt, ist ihre schonungslose Offenheit, genauso wie bei Pat, wobei sie die Tendenz hat, es etwas zu übertreiben. In dem Moment, als sie ihm den Brief von seiner (Ex-)Frau übergibt, weiß man im Laufe der Szene, dass der Brief von Tiffany geschrieben wurde. Nicht, weil es offen gesagt wird, sondern weil Lawrence es so perfekt spielt. Auch das zeichnet ein gutes Drehbuch aus: zu wissen, wann die Charaktere die Klappe halten sollen. Man darf dem Publikum etwas zutrauen.

Ich mag das an Filmen und Büchern. Zumindest bei denen, die ich aktuell schaue und lese. Sie respektieren ihr Publikum. Filme, die der modernen Krankheit anheimfallen, alles 17x zu erklären, damit es auch der letzte Trottel am Smartphone verstanden hat, werden hoffentlich nie Auszeichnungen bekommen. Dann kann man wirklich der KI überlassen, Filme zu schreiben, weil eh alles egal ist. Aber solche Filme, Bücher, Serien, Manga und so weiter kann nur ein Mensch kreieren. Dieses Feingefühl kann man nicht künstlich herstellen. Ich habe schon fast vergessen, wie viel Spaß gut geschriebene Filme machen können.