Heute schauen wir uns gleich zwei Texte an. Auf meinem ehemaligen Blog Geek-Planet habe ich damals die achte Collected Edition von Ultimate Spider-Man in zwei getrennten Texten diskutiert. Ich dachte mir wohl, dass der Inhalt es hergeben würde und die 50. Jubiläumsausgabe die beiden kürzeren, doch irgendwie zusammenhängenden Handlungsstränge »Cats« und »Kings« trennt. Heute würde ich das wahrscheinlich nicht mehr so machen. Vor allem der zweiwöchige Abstand hat mich sehr überrascht. Auf zwei Tage kann man das gerne aufteilen (das habe ich mit Büchern an dieser Stelle bereits gemacht), doch zwei Wochen sind eindeutig zu viel.
Die beiden Texte erschienen damals am 30. September und 14. Oktober 2016.
Alle hassen Spider-Man. J. Jonah Jameson lässt sich zu sehr von seinen Gefühlen leiten. Peter Parker legt sich mit einer Lehrerin an. Dies alles und mehr können wir in »Volume 8 – Cats & Kings« erleben. Es geschieht äußerst viel in dieser Collected Edition, deshalb teile ich das Review in zwei Hälften – den zweiten Teil gibt es in zwei Wochen.
- Ausgaben: #47 bis #53
- Erscheinungsdatum: November bis April 2004
- Autor: Brian Michael Bendis
- Zeichner: Mark Bagley, Art Thibert
- Colorist: Transparency Digital
- Letterer: Chris Eliopoulus
“The guy murdered someone on videotape and now he’s all like walking around free … and when I ask about it, when I just ask someone about it, everyone just basically tells me to shut up…” – Peter Parker
Die ersten drei Ausgaben dieses Handlungsbogens konzentrieren sich auf die Frage, wie es sein kann, dass so viel offensichtlich Falsches in der Stadt vor sich geht und doch jeder wegschauen kann.
Natürlich geht es um Wilson Fisk. Vor vielen Monden wurde ein Video von ihm veröffentlicht, indem eindeutig gezeigt wird, dass er jemanden umgebracht hat. Allerdings hat dieser Mann so viel Einfluß und Macht, dass er nicht nur den Richter „überzeugt“ hat, diesen Beweis nicht zuzulassen; er darf auch wieder nach Amerika kommen, nachdem er nach dem Vorfall ins Exil musste.
Was mir an der ganzen Sache sauer aufstößt, ist nicht die Öffentlichkeit, die einfach darüber hinwegsieht. Es ist diese Selbstverständlichkeit, mit der alles unhinterfragt hingenommen wird. Sobald der Bugle schreibt, dass es sich bei Spider-Man um den Teufel persönlich handelt, steigen sie auf die Barrikaden. Gleichzeitig akzeptieren sie, wie mit Fisk aka The Kingpin verfahren wird. Statt offensichtlich falsches blind zu glauben, sollte man in solch einem Fall etwas dem Instinkt vertrauen. Immerhin rettet der Junge in blau-roten Pyjamas alle Tage Menschen in Not. Also kann er so böse doch nicht sein, außerdem wurde er von der Schuld des angeblichen Mordes befreit. Umso ärgerlicher ist es, als Peter in der Schule seine Lehrerin danach fragt, wie es recht sein kann, dass Fisk frei herumläuft und bekommt dafür eine Suspendierung vor die Nase geknallt.
J. Jonah Jameson dient in dieser Geschichte und eigentlich überhaupt in den Spider-Man-Comics, wenn ich es mir recht überlege, als eine Art Stellvertreter für die genannte öffentliche Meinung. Immerhin ist er es, der die Jagd auf Spider-Man losgetreten hat. Er mag oft ein Idiot sein, doch normalerweise ist er trotzdem in erster Linie Journalist und wenn eine Geschichte wichtig ist, erzählt zu werden, wie eben jene von Fisk, dann ist er Feuer und Flamme dafür. Leider benötigt es aber einige Anläufe, bis ihm seine eigenen Fehler in dieser Sache klar werden. Umso erlösender ist es schließlich, wenn dann endlich der erlösende Moment kommt.
Die Ausgaben 47 bis 49, mögen zwar erst die Hälfte der Story-Arc Cats & Kings sein, doch bereits hier entfaltet sich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Sie treiben Korruption auf die Spitze und gehen vielleicht über das realistische, besser gesagt glaubhafte, hinaus. Dies erlaubt Brian Michael Bendis allerdings eine fesselnde Geschichte zu erzählen, in der man ständig hofft, alles möge doch bitte gut ausgehen.
So viel wie Peter durchmachen muss, so gern würde man ihn einfach nur in den Arm nehmen und ihn trösten, da er tatsächlich ein paar wirklich schlimme Tage hinter sich bringen muss, bevor es wieder bergauf geht. Manchmal ist es zum Verzweifeln, wenn man zu Menschen nicht durchdringt. Doch genauso erlösend sind die Momente, in denen Peter seinen Gefühlen freien Lauf lässt und auf ein Ziel zu marschiert.
Sei es Fisk-Tower als Spider-Man oder die angesprochene Geschichte mit der Lehrerin. Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte weitergehen wird. Selbst wenn es am Ende eine positive Wendung geben sollte, wird Fisk einen Weg herausfinden. Außerdem kommt als Nächstes die 50. Jubiläumsausgabe der Reihe dran. Mal sehen, was Bendis und Bagley für uns bereithalten.
Im ersten Teil der Geschichte haben wir den Kings-Aspekt betrachtet, der sich mit dem Einfluss und der Macht des Kingpins beschäftigt hat. Es ging darum, wen er alles in der Tasche hat und wie J.J.J. seine Integrität als Journalist wieder entdeckt. Nun wenden wir uns den Katzen zu. Black Cat, darf ihr Debüt in der Ultimate-Reihe feiern.
“Crossed a black cat… Seven years bad luck.” – Felicia
Die 50. Ausgabe konzentriert sich sehr auf Black Cat und ist darauf fokussiert, ihr ein entsprechendes Willkommen in der Reihe zu verschaffen. Dies gelingt außerordentlich gut. Wir begleiten sie auf ihrem Streifzug durch New York und wie sie in ein Bürogebäude einbricht, um etwas zu stehlen. Sie stiehlt ausgerechnet etwas Wertvolles vom Kingpin.
Das Markante an diesen Szenen ist, dass sie fast komplett ohne Dialog auskommen. Lediglich die Wachleute des Wolkenkratzers, wo unsere Diebin einbricht, unterhalten sich. Doch Black Cat sieht man nur dabei zu, wie sie ihrem Handwerk nachgeht. Hier erkennt man, wie wundervoll die Zeichnungen von Mark Bagley zu dieser Welt passen. Sie können komplett für sich stehen. Wir können den Charakter danach schon etwas einschätzen:
Sie macht das nicht zum ersten Mal und ist ein Profi auf diesem Gebiet. Zwar spielt an einer Stelle auch Glück bzw. Zufall eine Rolle, doch ansonsten stehen ihre Fähigkeiten im Zentrum. Kurz darauf begegnet sie das erste Mal der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft. Sie ist schweigsam und redet nur am Ende, wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt. Sie kann, was den Kampfstil angeht, mit Peter mithalten und landet den ein oder anderen Schlag. Peter steht mit seinen ständigen Kommentaren und Sprüchen komplett auf der anderen Seite der Skala. Spider-Man ist intuitiv unterwegs, sie versucht ihre Talente zu perfektionieren und trainieren.
Später erkennen wir, warum der Gegenstand so wichtig ist für Wilson Fisk. Trotz der Blamage bzw. der Beschuldigung durch Jamesons letzten Artikel ist er immer noch in New York und wirkt niedergeschlagen. Dies ist der Kingpin, den wir in der Daredevil-Serie auf Netflix gesehen haben. Den introvertierten Bären von einem Mann, der aus Liebe handelt. Seine Frau Vanessa ist krank und die Ärzte wissen nicht, was ihr fehlt. Doch auf der Steinplatte, die Black Cat gestohlen hat, könnte sich die Lösung für das Problem befinden. Scheinbar steckt eine mystische Macht darin. Mal sehen, wann dieser Aspekt wieder aufgegriffen wird und wer ihn dabei unterstützt.
Eine dritte Frau darf ebenfalls ihr Debüt in der Reihe feiern. Neben Felicia Hardy aka Black Cat und Vanessa, sehen wir auch Elektra. Sie jagt im Auftrag vom Kingpin die schwarze Katze. Es entwickelt sich ein interessanter und spannender Kampf zwischen den beiden Damen, bei dem Spider-Man mehr oder weniger hilflos daneben steht.
Da in der ersten Hälfte der Geschichte unser Held im Zentrum stand, ist es jetzt angenehm, dass sich der Fokus etwas verschiebt und auf Felicia und ihre Beziehung zum Kingpin im Vordergrund steht. Die beiden, genauer gesagt ihr Vater, hat eine bewegende Vergangenheit mit dem Verbrecherkönig.
Doch natürlich kommt Peter nicht zu kurz. Er muss sich um MJ kümmern, da ihr Vater sich äußerst danebenbenimmt. Würde mich nicht wundern, wenn er demnächst anfängt, sie und ihre Mutter zu misshandeln, so wie der Charakter von Bendis hier beschrieben wird. Die Aggression, die ihm im Gesicht steht, ist sehr beängstigend – eine tolle Leistung von Bagley. Im Gegensatz dazu steht die Liebe von Peter und MJ (die ebenso gut in Szene gesetzt ist – vor allem die Mimik der beiden sei bei ihrer emotionalen Unterhaltung nochmal besonders erwähnt). Die Gespräche der beiden sind großartig und sie beschließen sogar schon jetzt, irgendwann in Zukunft zu heiraten. Man drückt den beiden wirklich die Daumen und hofft, dass sie heil durch alles durchkommen.
An dieser Stelle möchte ich noch anmerken, dass ich es ausgezeichnet finde, dass nicht künstlich eine Dreiecksbeziehung zwischen Peter, MJ und Gwen angedeutet wird. Gwen lebt zwar seit einigen Ausgaben bei den Parkers, doch sie ist nur eine wunderbare Freundin und nicht mehr. Dies wird sich zwar zeitnah ändern, aber für den Moment genieße ich, wie frei der Comic von Klischees ist – zumindest in diesem Aspekt.