Geek-Planet | The Walking Dead: Staffel 4

Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute wieder einen Blick in die Vergangenheit. Genau genommen auf den 18. Oktober 2015. An dem Tag erschien der folgende Text auf meinem Blog »Geek-Planet«, den es heute allerdings nicht mehr gibt. Trotzdem möchte ich, dass meine alten Texte auffindbar sind und erhalten bleiben. So bekommen diese hier ein neues Zuhause. Dazu suche ich mir jede Woche einen heraus, redigiere diesen und versehe ihn mit einer kleinen Einleitung.

Was mich an diesen Texten zu The Walking Dead etwas überrascht, ist, dass diejenigen zu der TV-Serie sehr viel länger ausfallen, als die zu den Comics. Allerdings habe ich die Comics erst später gelesen und zuerst die Serie angeschaut. Bei der erneuten Veröffentlichung der Texte fand ich es interessant, chronologisch vorzugehen. Außerdem ist es spannender, erst den Comic zu lesen oder zu besprechen und dann mit der Serie zu vergleichen. Ich würde allen, die in diese atmosphärische Welt abtauchen wollen, empfehlen, es in dieser Reihenfolge zu machen. Auch wenn die Serie in den ersten Staffeln hervorragend ist, nimmt die Qualität mit der Zeit ab. Ich glaube, die siebte Staffel war die letzte, die ich mir angesehen habe. Beim Comic allerdings wusste Robert Kirkman genau, wann es Zeit ist aufzuhören und ich finde das Erzähltempo um einiges gelungener.


Die vierte Staffel von „The Walking Dead“ ist die bisher beste der Serie. Dies liegt vorwiegend daran, dass sie mit drei unterschiedlichen Akten, die mal mehr, mal weniger miteinander verknüpft sind, viel Abwechslung bietet und so den Zuschauer*innen immer wieder neue Eindrücke liefert, die verarbeitet werden wollen.

  • Developed by Frank Darabont
  • Cast: Andrew Lincoln, Norman Reedus, Steven Yeun, Lauren Cohan, Chandler Riggs, Danai Gurira, Melissa McBride
  • Musik: Bear McCreary
  • Executive producers: David Alpert, Scott M. Gimple, Greg Nicotero, Robert Kirkman u.a.
  • Erstausstrahlung: 13. Oktober 2013 auf AMC

„How many walkers have you killed?“ … „How many people have you killed?“ … „Why?“

Seit dem starken Ende der vierten Staffel sind wieder ein paar Monate ins Land gezogen, und die Gefängnisinsassen sind ein gutes Stück gewachsen. Der findige „The Walking Dead“ Zuschauer erkennt schon, dass es sich bei den meisten wohl um sogenannte „Red Shirts“ handelt – Figuren, deren Aufgabe in einer Serie oder einem Film darin besteht zu sterben – typisches Kanonenfutter eben.

Wir haben nun einen gewissen Standpunkt erreicht, der ziemlich mit den Comics übereinstimmt, nur dass dort der Anbau von Gemüse, Korn und anderem Gewächs deutlich früher gestartet ist. Rick ist ruhiger geworden und hat sich in den wohl verdienten Ruhestand zurückgezogen. Längst fällt der Rat die wichtigsten Entscheidungen, und er versucht, Carl von diesem Lebensstil zu überzeugen, wenngleich dieser eher für Action geboren ist. Doch auf ihn komme ich im dritten Akt noch einmal genauer zu sprechen.

Wenn wir in unserer heutigen Welt Krank werden oder Beschwerden haben, gibt es im Prinzip drei Optionen: Ignorieren und warten bis es von allein wieder weg geht; Globuli nehmen, was das Gleiche ist, wie die erste Methode nur um ein Vielfaches bescheuerter oder aber wir gehen zum Arzt, bekommen, wenn es etwas Gröberes ist, Medizin verschrieben und nach ein paar Tagen im Bett sind wir wieder fit und können zurück an die Arbeit. Doch was tun, wenn gerade die Zombies, ähm entschuldigt, Walker-Apokalypse am Laufen ist? Richtig! Nichts, hoffen, dass zufällig ein Arzt in der Gruppe ist und dieser weiß, wie man die Krankheit behandelt.

Zwar haben unsere Freunde zufällig einen Arzt gefunden, aber immerhin ist Hershel Veterinärmediziner und kann auch ziemlich gut Menschen versorgen. Doch gegen eine herzhafte Grippe kann er ohne Medikamente nur wenig ausrichten. Ein interessanter Aspekt, den ich in einem Forum gelesen habe, war, dass es möglich ist, dass der Virus, mit dem alle Menschen infiziert sind, die Auswirkungen der Grippe erneut verstärkt. Denn die Frage war, warum so viele Menschen daran gestorben sind. Doch wir vergessen oft, welch hohen Lebensstandard wir haben und sind daran gewöhnt, immer etwas Gutes zu Essen zu haben und vor allem frisches Wasser. Chips fressend vor dem Fernseher eine fiktive Zombie-Apokalypse beobachten zu können, ist eben ein Privileg.

Wie dem auch sei; ich finde die Auswirkungen der Krankheit realistisch und vor allem überzeugend dargestellt. Dies liegt nicht nur an den Make-ups, die alle tragen und sie so aussehen lassen, als ob sie den nächsten Tag nicht mehr erleben werden, sondern auch an den Darsteller*innen. Ich habe allen das Leid und die Qual abgekauft. Es ist heroisch, wie Hershel sich selbstlos in die Quarantänestation begibt und damit sein Leben riskiert, um das der anderen ein wenig besser zu machen. Ein großartiger Start einer tollen Staffel.

„You can’t think forever. Sooner or later, you gotta make a move.“ – The Governor

Der zweite Akt beginnt mit dem Governor. Ihn begleiten wir direkt vom Ende der dritten Staffel auf dem Weg durch das Land. Er hat alles verloren und ist ein gebrochener Mann. Die Auftaktepisode mit ihm ist stimmungsvoll und bewegend. Der Darsteller David Morrissey weiß zu überzeugen. Nach langem, qualvollem wandern möchte man ihm am liebsten Unterschlupf und was zu essen anbieten. Diesen Unterschlupf findet er schließlich bei einer Ersatzfamilie. Besonders die Szenen mit dem kleinen Mädchen Meghan sind beeindruckend, und die beiden haben eine wundervolle Chemie miteinander. Vor allem, wie sie einander aus ihrer emotionalen Verschlossenheit herausholen, finde ich gut umgesetzt und eine interessante Wendung der Ereignisse. Man erkennt, dass sich Brian, auch bekannt als Philip, auch bekannt als The Governor wirklich bessern und mit dieser Familie einen neuen Anfang wagen möchte.

Umso enttäuschter und nicht nachvollziehbar fand ich dann, dass er bei der ersten Gelegenheit, die sich ihm bietet, das Ganze wieder über den Haufen wirft und zu seinem alten Verhalten als Tyrann zurückkehrt. Er tötet alle, die sich ihm in den Weg stellen könnten, und zerstört wieder die Hoffnung darauf, dass es doch noch Menschen gibt, die sich zu einer friedlichen Gemeinschaft zusammenschließen wollen. Eine Gemeinschaft, die einfach nur versucht, in der neuen Weltordnung zu überleben. Sollte es dann doch einmal solche Menschen geben, werden sie von den Tyrannen überrollt und dann auch gleich noch am besten mit einem Panzer, um sicherzugehen, dass sie die Botschaft kapieren. Wenn dabei das einzige, große und sichere Gebäude weit und breit zerstört wird, was soll’s, Hauptsache ich habe gewonnen und meinen sturen Kopf durchgesetzt. Ich verstehe die Figur des Governors nicht. Ich verstehe weder seine Beweggründe noch seine Ziele. Was will er in dieser Welt erreichen? Eine Familie, die er lieben und beschützen kann? Die totale Kontrolle über den Rest der Menschheit?

Zu allem Überfluss muss für diese Tyrannei Hershel seinen Kopf hinhalten. Nach dem Abgang von Dale, der genauso sinnlos gestorben ist, ist Hershel der nächste moralische Anker der Gruppe, der dran glauben musste. Ich verstehe, dass es für den anschließenden Krieg, der wirklich beeindruckend dargestellt ist und in dem besonders Daryl zeigen darf, was in ihm steckt (er ist so etwas wie Legolas in der „Herr der Ringe“, zumindest in dieser Episode), einen Auslöser geben musste, doch es laufen so viele „Red Shirts“ umher, warum nicht einer von denen. In den ersten fünf Episoden hätte man diesen Charakter so aufbauen können, dass er ein wertvolles Mitglied geworden ist, und es wäre fast genauso tragisch gewesen. Vor allem deshalb, weil es mit dem Schwert von Michonne Schwert passiert.

Nun ist aber der Governor tot und die letzten Überlebenden der Gruppe mussten sich aufteilen und getrennt voneinander flüchten, auf der Suche nach Schutz und Essen.

Rick: „They are gonna feel pretty stupid, when they find out …“
Abraham: „Find out what?“
Rick: „They are fucking with the wrong people.“

Was mir in dieser Staffel besonders positiv aufgefallen ist, sind die ungewöhnlichen Teams, die sich immer wieder bilden. Meist sind es ja immer ähnliche Protagonist*innen, die miteinander unterwegs sind, um diverse Aufgaben zu erledigen. Doch durch die gesamte Staffel hinweg werden sie immer wieder bunt durchgemischt. Dies verleiht der Serie eine Dynamik, die ich bisher nicht gespürt habe. Besonders hervorheben möchte ich hier Carol und Rick, die bei einem Ausflug nicht nur „Oswald ‘The Penguin’ Cobblepot“ höchstpersönlich begegnen (oder zumindest dem großartigen Schauspieler, der ihn in der Serie „Gotham“ verkörpert). Rick muss feststellen, dass sie eine Mörderin ist. Sie tut alles für den Schutz der Gemeinschaft, auch wenn dies bedeutet, die Kranken zu töten und zu verbrennen. Sie einigen sich mehr oder weniger darauf, dass es das Beste ist, wenn Carol allein weiterzieht, und man sieht sie erst nach dem Krieg im Gefängnis wieder. Ihre Entwicklung durch alle Episoden hinweg ist beeindruckend und gipfelt in den Szenen mit Tyreese, Judith und den Zwillingen. Diese großartig dargestellte Nebenhandlung ist ein kleines Meisterwerk innerhalb des TWD-Universums. Die Bilder sprechen oft für sich und dürfen mit einem gewaltigen Soundtrack ihre gesamte Wirkung verbreiten. Die Geschichte schaukelt sich dramatisch immer weiter auf, man sitzt fassungslos vor dem Fernseher. Hut ab vor allen Beteiligten, eine wirklich grandiose Leistung.

Insgesamt ist die Staffel kameratechnisch äußerst beeindruckend. Ich würdige dies viel zu selten, da ich mich so sehr in die Geschichte hineinsteigere, doch egal ob Musik, Kamera, Drehbuch oder Editing, alles passt. Obwohl ich manche Entscheidungen von Charakteren nicht nachvollziehen kann, soll das nicht im mindesten die Gesamtleistung schmälern, die das Team von AMC hier abliefert. „The Walking Dead“ ist eine cineastisch beeindruckende Serie, die mich in ihrer vollen Pracht gefangen genommen hat und hoffentlich so schnell nicht wieder loslässt.

Doch zurück zur Geschichte. Alle einzelnen Gruppen haben ein Ziel: Terminus! Ein Ort, an dem alle, die ihn erreichen, Zuflucht und Schutz geboten bekommen. Auf deren Reise wachsen noch einmal alle über ihre persönlichen Grenzen hinaus oder lernen diese auf die harte Tour kennen. Beth findet ihren Mut, Michonne begreift, wie sehr sie die anderen benötigt und Daryl schließt mit seiner Vergangenheit ab. Rick muss einsehen, dass er seinem Sohn mehr Freiraum geben muss. Glenn auf der anderen Seite lernt eher wenig, da er einfach stur seinen Kopf durchsetzt, teilweise auf Kosten von anderen (er ist genau genommen zu einem kleinen Arsch geworden – genau passend für Maggie; die beiden werden mir irgendwie immer unsympathischer, je weiter ihre Geschichte vorankommt). Und Bob lernt, dass er nicht dafür verantwortlich ist, dass alle um ihn herum sterben.

Carl lernt im Besonderen, dass er nicht so unabhängig ist, wie er es gerne hätte. Er benötigt seinen Dad genauso, wie dieser ihn benötigt. Der anscheinende Verlust von Judith nagt besonders an ihn. Ich vergesse manchmal, dass jeder Mensch unterschiedlich mit Verlust umgeht. Besonders in der Situation, in der sie sich befinden. Immer unterwegs, immer unter Stress und Druck – es gibt wenig Zeit, über die Situation nachzudenken und das Erlebte zu reflektieren. Bei Carl äußert sich dies in rücksichtslosem und respektlosem Verhalten. Nachdem mir dies klar geworden ist, konnte ich seine Geschichte besser begreifen. Ich genieße diese Aha-Momente, da es mich den Charakteren näher bringt und ich tiefer in ihre Psyche und Gedankenwelt eindringen kann. Wie bereits oben erwähnt, hatte ich beim Governor nie einen solchen Moment, deshalb ist er für mich so unnahbar und unsympathisch. Ich bin ehrlich gespannt auf das Buch und hoffe, es bietet einige erhellende Momente.

Es war eine fantastische Staffel, und die Zombies sahen erneut spektakulär aus. Sie zerfallen immer weiter und weiter, teilweise sind sie wirklich nur mehr Haut und Knochen. Ich kann verstehen, warum sie ab der sechsten Staffel auf Computergenerierte Degeneration zurückgreifen. Früher oder später stößt man an Grenzen und kann es nicht mehr glaubhaft mit Masken und Prothesen darstellen – aber ich habe großen Respekt davor, dass sie es so lange durchgehalten haben.