Wie jeden Donnerstag werfen wir auch heute einen Blick in die Vergangenheit. Genauer gesagt auf den 09. November 2016. An dem Tag erschien der folgende Text auf meinem ehemaligen Blog »Geek-Planet«. Diesen gibt es allerdings nicht mehr. Trotzdem sollen alle meine alten Texte auffindbar sein. Also suche ich mir jede Woche einen aus und veröffentliche ihn erneut.
Bei der Wiederveröffentlichung der alten Texte zu The Walking Dead habe ich mich an ein einfaches Prinzip gehalten: Comics und Bücher wechseln sich jede Woche ab. Doch scheinbar habe ich Book 9 deutlich vor Staffel 7 gelesen. Aber das soll dem Genuss des Textes oder der Geschichte keinen Abbruch tun. Es ist immer wieder interessant, was in welchem Medium anders gemacht wurde. Wie kommt Carl in die Basis von Negan? Was betont Negan in Bezug auf die Frauen, die er sich hält? Werden manche Dinge in der Serie modernisiert? Es ist immer wieder spannend zu beobachten. Manchmal sind es nur Nuancen, aber diese können einen großen Unterschied machen.
In The Walking Dead ist niemand sicher. Das haben die beiden Handlungsstränge im neunten Buch eindeutig gezeigt. Vor allem kann man sich auf keinen Fall darauf verlassen, dass nur, weil jemand in der Serie überlebt, dies im Comic ebenso ist oder war. So müssen wir uns von zwei Charakteren verabschieden, die durchaus ans Herz gewachsen sind.
- Creator, Writer: Robert Kirkman
- Penciler, Inker, Cover: Charlie Adlard
- Gray Tones: Cliff Rathburn
- Letterer: Rus Wooton
- Erstveröffentlichung: 2011
- Ausgaben: #97 – #108
“Eeny, meeny, miny, moe, Catch a tiger by the toe. If he hollers, let him go, My mother told me to pick the very best one and you are it” – Negan
Das letzte Mal haben ein paar Leute Rick zum Hilltop begleitet, wo er, dank eines Deals mit Gregory, viele Lebensmittel bekommen hat. Auf dem Weg nach Hause werden sie aber von Negans Leuten überfallen. Alle zu Hause sind natürlich froh, dass sie überlebt haben und nehmen dankbar die Waren entgegen. Doch der Deal, den Rick mit Gregory gemacht hat, muss erstmal verdaut werden. Denn für die Hälfte all ihrer Lebensmittel sollen die Bewohner Negan töten. Dieser nimmt den „Anschlag“ auf seine Leute allerdings nicht optimal auf. Als Rache dafür versuchen weitere Leute von ihm, Alexandria zu übernehmen. Dies ist aber ein ziemlich halbherziger Versuch und dank Andrea’s Geschick mit dem Scharfschützengewehr sind die Eindringlinge schnell wieder vertrieben.
An dieser Stelle macht Rick einen Fehler. Er geht davon aus, dass Negan vernünftig bzgl. normal denkt. Da er zu wenig Informationen von ihm hat und später herausfinden muss, dass Gregory ihm nie persönlich begegnet ist, konnte er nicht anders denken. Der Boss von Hilltop wird zu einer noch unsympathischeren Figur. Nicht nur verheimlicht er Informationen, er hat auch wenig Mitleid mit dem, was vorgefallen ist.
Auf dem Weg zurück nach Hilltop, wo sich Rick Unterstützung für einen Primärschlag auf Negan erhofft, werden sie von eben jenem überfallen und es zeigt sich das gleiche Szenario wie in der Serie. Das schöne Kindergedicht „Eeny, meeny, miny, moe“ wird nie mehr das Gleiche sein. Alle unsere Freunde knien in einem Halbkreis vor Negan, während dieser zu entscheiden versucht, wen er nun mit seinem Baseballschläger Lucille töten soll. Kurz gesagt: Es trifft Glenn.
Was sich in den folgenden Panels abspielt, ist abstoßend, erschreckend und an Brutalität kaum zu übertreffen. Die Zeichnungen von Charlie Adlard sind Wahnsinn und das in allen nur möglichen Interpretationen des Wortes. Der erste Schlag tötet Glenn nicht. Man sieht sein Gehirn, ein Auge fällt raus und er kann nicht mehr richtig denken. Man hofft, dass Glenn aus diesem Leid befreit wird. Ich erinnere mich an die Szene in Detective Comics, in der der Joker Jason Todd, den zweiten Robin, mit einer Brechstange zu Tode prügelt. Genau das passiert hier mit Glenn, nur grausamer. Ich musste den Comic kurz weglegen und das Geschehene verarbeiten, bis ich wieder weiterlesen konnte. Das Schlimmste an all dem ist, dass alle anderen – Rick, Andrea, Maggie, Sophia, Carl – einfach zusehen mussten. Negan ist der Herr über dieses Gebiet, das hat er damit eindeutig klargemacht.
Doch damit ist noch lange nicht Schluss mit der ersten Geschichte „something to fear“, denn eine weitere Person verliert dort ihr Leben. Eugene und Abraham machen sich auf den Weg, um einen Ort aufzusuchen, der für die Munitionsherrstellung verwendet werden kann. Negans Leute haben sich allerdings auf den Straßen breit gemacht und töten kurzerhand Abraham. Abraham! Gerade als er begonnen hat, sich mit Eugene zu vertragen. Abraham, der ein großes Standbein für diese neue Gemeinschaft ist. Genauso wie Glenn. Wir haben zwei große Charaktere verloren, die in zukünftigen Geschichten vermisst werden. Glenn war von Anfang an dabei, Abraham ist schnell ans Herz gewachsen. Beide konnten viel mitbringen. Doch ich bin zuversichtlich, dass Rick sie entsprechend rächen wird. Doch um dies zu tun, muss er erst einmal klein beigeben und mit Negan kooperieren.
Damit ist die Schreckensherrschaft von Negan jedoch nicht komplett etabliert. In „what comes after“ holt sich Negan seine erste Opferung von Alexandria persönlich ab. Carl schleicht sich an Bord seines Vans, mit Abrahams Maschinengewehr, und fährt so mit zu dessen Stützpunkt. Dieser stellt sich als wahre Festung heraus. Eine ehemalige Metallfabrik ist dessen Unterschlupf. Umgeben von Zäunen. Dicke Wände sorgen für entsprechenden Schutz. Carl gelingt es überraschenderweise, eine Handvoll von Negans Männern zu erschießen. Wenn er eine Pistole oder zwei mitgenommen hätte, wäre er vielleicht sogar in der Lage gewesen, Negan zu töten, doch für Abrahams Waffe ist er einfach noch zu jung und klein.
Negan hat schon recht, als er sagt, dass Carl richtig dicke Eier hat, um sich mit ihm anzulegen. Überraschenderweise führt er ihn dann in seinem Zuhause herum. Zeigt ihm einiges und führt ihn in seine Suite. Zuerst dachte ich, dass er ihn nun vergewaltigen würde. Zum Glück ist dies nicht der Fall. Was er aber macht, ist, dass er Carl seinen Verband abnehmen lässt, der sein Auge verdeckt. Es sieht zwar schrecklich aus, dieses Loch in seinem Kopf, doch dank Negan bekommt er den Mut, dies nicht mehr zu verstecken, sondern offen zu zeigen.
In der Suite erfahren wir aber noch mehr von diesem neuen Bösewicht. Denn, nachdem er die Kontrolle über alle innehatte, nahm er sich mehrere weibliche Mitbewohner und deklarierte sie als seine Frauen. Und wehe sie betrügen ihn mit ihren ehemaligen Geliebten. Eine tut dies leider und dieser muss dann eine harte Strafe zahlen. Mit einem Bügeleisen ähnlich aussehenden Metallteil, das in flüssigem Stahl erhitzt wurde, brennt er dessen halben Kopf weg. Dies ist eine weitere dieser grausamen Szenen, mit denen Robert Kirkman aufwartet. Da glaubt man, es kann nicht mehr schlimmer werden als mit dem Governor oder Ramsay Bolton aus Game of Thrones. Doch dann kam Negan.
Am Ende offenbart Jesus Rick noch eine dritte Partei, die von einem König mit entsprechendem Tiger angeführt und als Königreich angesehen wird. Gemeinsam beschließen sie, gegen ihren Tyrannen vorzugehen. Ich bin äußerst gespannt, wie sich das entwickelt.
Book Nine hat mir außerordentlich gut gefallen. Es steht wieder einiges auf dem Spiel. Die letzten zwei bis drei Bücher waren zwar unterhaltsam und spannend, doch es wurde wieder Zeit für einen guten Bösewicht. Jemand, der das Leben unserer Protagonisten gefährdet. Jemand, der eine Atmosphäre der Unsicherheit und Anspannung schafft. Dies hat der Autor hiermit wahrlich erreicht. Worauf ich mich in diesem Zuge nicht wirklich freue, ist die TV-Umsetzung der genannten Szenen. Wenn sich die Macher der Serie auch nur annähernd an die Vorlage halten, wird das sehr grausam mit anzusehen sein.