Thema für eine Titelseite?

Ich bin enttäuscht. Eigentlich bin ich großer Fan des Falters. Es ist eine österreichische Wochenzeitung, die durch qualitativen, hochwertigen Journalismus besticht, unaufgeregt Fakten berichtet und immer wieder wichtige Themen aufdeckt; sie überhaupt erst ans Tageslicht bringt. Manchmal ist aber auch Kritik angebracht und notwendig. Oder zumindest ein Nachdenken, ob es notwendig war, auf diese Art und Weise über etwas zu berichten. Ich spreche in diesem speziellen Fall von der Ausgabe vom Mittwoch, 01.04.2026, und der Titelgeschichte: »Die Beichte des „Pedo-Hunter“«.

Darin berichtet ein ehemaliger Angehöriger der rechten Szene, wie es ist, in dieser Blase der Gesellschaft zu existieren. Anfangs als Impfgegner einzuordnen, rutschte er schnell in die rechte Szene ab und verwaltete schließlich Telegram-Gruppen. Diese ermöglichten es anderen, sich zu organisieren und Jagd auf queere Menschen zu machen. Sich online mit ihnen verabreden und sie dann niederschlagen, quälen, erniedrigen, geradezu foltern. Für den Großteil der Menschen, die in das heterosexuelle Spektrum fallen, sind solche Nachrichten eine Randnotiz. Meldungen, die irgendwo auf den Nachrichtenseiten vorkommen oder abgedruckt werden, die aber schnell vergessen werden, nachdem man sich gedacht hat: krass, wie schlimm.

Aber für queere Menschen ist das ein dauerhaftes Thema; etwas, das im Hinterkopf mitschwingt. Genauso wie wir hellhöriger sind für unterschwellige homophobe Bemerkungen, die am Großteil der Bevölkerung einfach so vorbeigehen, die sich nicht damit beschäftigen muss. Bemerkungen, die wir aber sehr wohl wahrnehmen und dann mit uns herumtragen. „Homophob“ ist übrigens ein Begriff, den ich nicht mag, da er eine simple Angst unterstellt. Es gibt Sexismus, Rassismus, aber gerade bei Gewalt jeglicher Art gegen queere Menschen wird von Phobie gesprochen, wie bei Spinnen. Der Phobie-Begriff schwächt die Taten und Ansichten dahinter, meiner Meinung nach zu sehr, und stellt sie als kleines Delikt hin. Aber ich schweife ab. Was die Nachrichten anbelangt, habe ich beispielsweise den Newsletter von queer.de abonniert, wo jeden Tag ein Überblick über alle Nachrichten angeboten wird, die die LGBTQIA+-Community betreffen. Dass es natürlich nicht nur positive Nachrichten gibt und die schlechten, bedrohlichen und beunruhigenden Nachrichten in den vergangenen Monaten und Jahren mehr wurden (ein Gefühl, das ich nicht mit Zahlen belegen kann), muss ich wohl nicht extra erwähnen.

Jetzt landet also jemand, der mutmaßlich dafür mitverantwortlich ist, dass rechte Selbstjustizler auf Menschen wie mich Jagd machen, auf der Titelseite des Falters. Ich halte es für wichtig, dass über solche Menschen berichtet wird und Aussteiger wie dieser Unbekannte sich hervortun, um das System hinter den Angriffen aufzudecken. Er spricht auch ein wichtiges Thema an: dass es in Österreich scheinbar keine Institutionen gibt, an die sich Aussteiger wenden können, oder die das überhaupt fördern. Wusste ich nicht und ist eine große Lücke, die schnellstmöglich geschlossen werden muss. Auf der anderen Seite ist die Person nicht bereit, das System, in dem sie unterwegs war, komplett auffliegen zu lassen. Kommentare unter dem entsprechenden Artikel im Standard haben darauf aufmerksam gemacht, ob sich dieser Unbekannte vielleicht nur mit dem Gericht gutstellen will, indem er sich gemeinnützig bei den RosaLila PantherInnen in Graz aktiv zeigt. Das kann man natürlich aus einem Bericht heraus nicht beurteilen, Skepsis ist allerdings angebracht.

Mir geht der Artikel im Falter allerdings nicht weit genug oder er ist zu einseitig und lässt Themen aus, die ich bei einem solchen Text gerne sehen würde. Glückwunsch, jemand hat herausgefunden, wie man ein normales, mitfühlendes menschliches Wesen ist, das die eigenen Aggressionen nicht an anderen Menschen auslässt – wobei er angeblich nicht an den Gewaltakten dabei war. Trotzdem ist diese Erkenntnis keine Leistung, sondern sollte der Standard sein. Dafür auf die Titelseite zu kommen, ist mir zu billig. Überhaupt empfinde ich es als kritisch, wenn nur über Täter berichtet wird. Ich mag auch die Serien auf Netflix und Co. nicht, die sich allein mit den Tätern beschäftigen. Was ist diese perverse Begeisterung für die Täter? Besonders in einem Text wie diesem sollte man doch andere Fragen stellen: Wie leben die Opfer nach den Angriffen? Wie geht man als queerer Mensch mit der Angst um, vielleicht der oder die Nächste zu sein? Wie kann man solchen Attacken vorbeugen? Welche Strategien gibt es? Wo können sich Aussteiger melden? Sind die RosaLila PantherInnen in Graz wirklich so offen oder haben sie auch Bedenken, dass jemand wie der Unbekannte bei ihnen aktiv werden möchte? Ich kann diese Fragen nicht beantworten, aber ein unabhängiges journalistisches Medium könnte sich damit beschäftigen und recherchieren.

Mir fehlt natürlich der journalistische Abstand, um das Thema nüchtern betrachten zu können, allerdings sehe ich viele Probleme bei der Aufbereitung des Textes. Ihn einfach nur so stehenzulassen, ist für mich keine Titelseite wert. Allein schon, dass „Pedo-Hunter“ auf der Titelseite prangt. Es schockiert und soll dazu führen, dass die Zeitung gekauft wird, schon klar. Und der Begriff ist in Anführungszeichen gesetzt, toll. Im Artikel selbst wird auch erwähnt, dass die Täter (gendern ist an dieser Stelle wohl nicht notwendig) Homosexuelle, Dragqueens und Co. auf dieselbe Stufe stellen wie Pädophile. Aber auch hier werden mir die Begriffe zu wenig differenziert und erklärt. Die falschen Vorurteile und verdrehten Weltbilder müssten meiner Meinung nach besser herausgestellt werden.

Vielleicht schicke ich diesen Text hier an den Falter, vielleicht sehe ich das Thema zu emotional – ich weiß es nicht. Der Artikel an sich ist okay und vielleicht wäre er mir weniger sauer aufgestoßen, wäre er irgendwo mittendrin vorgekommen. Aber so hätte ich gerne eine bessere Einordnung gesehen und dass der Täter nicht dermaßen im Zentrum steht. Wie gesagt, die Erkenntnis »Menschen jagen ist schlecht« verdient keine Medaille und mit Sicherheit auch keine Titelseite auf einer ansonsten hervorragenden Wochenzeitung.