Gott wollte es so

»The Boys« ist eine großartige Serie, die manchmal unangenehm nah an der Realität entlangschrammt. Die fünfte und letzte Staffel läuft aktuell auf Amazon, und ich schreibe diese Zeilen nach der fünften Episode. Sollte das Finale bereits erschienen sein, wenn dieser Beitrag online geht: keine Sorge, ich kann gar nicht spoilern. Zeit und das Internet sind tolle Konzepte, die so etwas Mögliches machen.

Irgendwann in der vierten Staffel war für mich Schluss. Ich weiß nicht mehr genau, wann, aber es war der Punkt erreicht, an dem Realität und Serie sich zu sehr überlappt haben. In den USA war Donald Trump wieder Präsident, Proteste eskalierten, und die Serie hat das alles – natürlich – aufgegriffen. Gut gemacht, stark geschrieben, keine Frage. Vor allem Jensen Ackles als Soldier Boy hat frischen Wind reingebracht. Trotzdem war es mir irgendwann zu viel. Ich habe abgebrochen, ein paar Folgen vor Schluss.

Nachgeholt habe ich das nie. Stattdessen bin ich direkt in die neue Staffel eingestiegen, als sie vor ein paar Wochen gestartet ist. Zum Glück gibt es vor jeder Folge einen Zusammenschnitt der wichtigsten Ereignisse, die für die kommende Folge wichtig sind. Allzu viel habe ich nicht verpasst und den Rest findet man on-the-fly heraus.

»Wahnsinn« trifft es für die finale Staffel ganz gut. Internierungslager, Machtkämpfe, verstörend absurde Beziehungen, Vater-Sohn-Konflikte und halbgöttliche Selbstinszenierungen – die Serie kennt wirklich keine Zurückhaltung mehr. Eric Kripke und sein Team drehen konsequent alles noch eine Stufe weiter. Ich kenne die Comics nicht, kann also nicht sagen, was davon Vorlage ist. Aber die Art, wie die Serie ihre ohnehin schon überzeichnete Welt weiter zuspitzt und gleichzeitig erstaunlich treffsicher an reale Entwicklungen andockt, ist beeindruckend. Acht Folgen, um alles zu beenden. In den bisherigen fünf Episoden wirkt keine Minute verschwendet.

Die Schauspieler*innen liefern durchgehend ab und verkörpern ihre Charaktere, wie es niemand sonst könnte. Niemand fällt aus der Reihe, niemand wirkt fehl am Platz. Egal, wie grotesk, brutal oder bewusst überdreht es wird, jede Szene sitzt. Ich sitze immer wieder kopfschüttelnd oder mit offenem Mund vor dem Fernseher und bin begeistert (und manchmal etwas abgeschreckt) von dem, was sich dort abspielt. Wenn ich richtig informiert bin, umfasst die letzte Staffel von »The Boys« acht Folgen, das heißt, drei sind noch offen. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie sie all die Erzählstränge zusammenführen wollen. Aber das Vertrauen ist da.

Das letzte Mal, dass mich eine Serie so gepackt hat, war »Andor«. Wahrscheinlich das Beste, was Disney im Star-Wars-Bereich je produziert hat (und traurigerweise wahrscheinlich je produzieren wird). Jede Woche freue ich mich auf die neue Folge von »The Boys«. Ich lasse mich überraschen und werde sicherlich nichts googeln und damit Überraschungen vorwegnehmen. Einfach anschauen und genießen.

Nur wann Jared Padalecki auftaucht, bleibt weiterhin ein Rätsel. Vielleicht wird es auch nur ein kurzer, blutiger Auftritt. Würde zur Serie passen und wäre zugegebenermaßen äußerst witzig.