Am Mittwoch lief also das Finale von »The Boys« auf Amazon. Wie es vor letzten Folgen fast schon Tradition ist, tauchen in den Tagen und Wochen davor unzählige Videos und Texte über noch offene Handlungsstränge auf. Ich habe mir keines davon angesehen oder auch nur einen Artikel dazu gelesen. Meist werden dort irgendwelche Geschichten aus den frühen Tagen einer Serie ausgegraben, die die Verantwortlichen längst hinter sich gelassen haben. Geschweige denn, dass sich die Zuschauer*innen überhaupt noch daran erinnern. Es gibt eigentlich nur einen Handlungsstrang, der wirklich wichtig ist, und das ist der anhaltende Kampf gegen Homelander.
Es müssen nicht immer alle Fragen geklärt werden. Das ist tatsächlich eine Lektion, die sich Disney ruhig hinter die Ohren schreiben könnte. Immerhin produzieren sie mittlerweile so viel Star-Wars-Content, dass selbst Nebenfiguren aus der siebten oder achten Reihe plötzlich ihre eigene Mini-Serie bekommen. Ich finde es deutlich spannender, manches offen oder unausgesprochen zu lassen. Fans brauchen Platz für Spekulationen. Wenn diese Spekulationen in die gedachte Richtung gehen: super. Wenn komplett wilde Theorien entstehen, die völlig am eigentlichen Sinn der Geschichte vorbeigehen: ebenfalls fantastisch. Lasst uns doch mit Charakteren und Geschichten spielen. Das echte Leben liefert schließlich auch nicht auf alles eine konkrete Antwort. Manche Dinge bleiben offen, ungeklärt oder unausgesprochen. Vielleicht war ich genau deshalb überrascht, wie gut mir das Finale gefallen hat.
Denn die Serie verliert sich nicht in unnötigen Umwegen oder irgendwelchen nachträglich konstruierten Enthüllungen. Das Finale ist im Grunde sehr simpel aufgebaut: Die Boys infiltrieren das Weiße Haus, Butcher stellt sich Homelander und der finale Kampf kann beginnen. Dass Ryan, Homelanders Sohn, den ich in den letzten Folgen bereits vermisst hatte, wieder auftaucht, hat mich ebenfalls gefreut. Es wäre schade gewesen, ihn einfach verschwinden zu lassen. So standen schließlich Butcher, Ryan und natürlich Kimiko mit ihren neuen Soldier-Boy-Fähigkeiten dem selbst ernannten neuen Gott gegenüber. Währenddessen kümmerten sich M.M. und Hughie um »Oh Father« und Annie musste gegen Deep antreten. Drei parallele Kämpfe also, die alles abdecken, was man von einem Finale erwarten kann: absurd, dramatisch, emotional und stellenweise sogar ziemlich lustig.
Ich werde das Ende hier nicht verraten, nur so viel: Es fühlt sich passend an. Passend für die Charaktere und passend für die Serie selbst. Und das kann man wirklich nicht über jedes Serienfinale sagen. Manche Produktionen wollen am Ende einfach zu viel und verlieren dabei völlig aus den Augen, worum es ursprünglich eigentlich ging. Bei »The Boys« war dieser Kern immer Homelander. Die Serie hat das nie vergessen, besonders nicht in der letzten Staffel. Das tatsächliche Ende hat mich zwar trotzdem überrascht, aber genau deshalb funktioniert es so gut. Ich habe diesen Ausgang nicht kommen sehen, gleichzeitig wirkt er für den betroffenen Charakter vollkommen nachvollziehbar. So endet also »The Boys«, wie es angefangen hat: laut, brutal, absurd und irgendwo dazwischen erstaunlich konsequent.
Seit mittlerweile sieben Jahren wird die Serie produziert, dazu kamen mehrere Spin-off-Versuche und mindestens eines dürfte wohl noch folgen. Wenn ich es richtig verstanden habe, soll ein Prequel rund um Soldier Boy kommen. Trotzdem finde ich es gut, dass all diese Nebenprojekte für die Hauptserie letztlich kaum relevant waren. Man sollte nicht fünf zusätzliche Serien schauen müssen, nur um der eigentlichen Handlung folgen zu können. Richtig, Marvel? Ich selbst habe ausschließlich die Hauptserie verfolgt und hatte nie das Gefühl, etwas Entscheidendes zu verpassen. Und offen gestanden bin ich froh, dass »The Boys« nun vorbei ist. Manche Serien brauchen ein klares Ende. Sie sollten gehen, bevor sie nur noch eine Karikatur ihrer selbst werden.
