Ich wollte einen kleinen persönlichen Text über Micro-Wallets mit Sunflowers-Design schreiben, bin allerdings etwas abgeschweift, woraufhin dann der gestrige Text entstanden ist (Micro-Wallets und Brieftaschen). Da hat das heutige Thema allerdings nicht mehr ganz hineingepasst. Deshalb reden wir heute noch einmal über Micro-Wallets von der Firma Paperwallet. Diese bringt immer wieder erstaunliche Designs zum Vorschein. Bei den japanischen Designs musste ich schon zuschlagen, dann kamen auch noch zwei Designs mit den wohl berühmtesten Gemälden von Vincent van Gogh heraus: „The Starry Night“ und „Sunflowers“.
Die Sunflowers hängen auch schon in meinem Büro (nein, nicht das Original) und jetzt habe ich sie auch noch als Micro-Wallet. Seit dem Netflix-Comedy-Special »Nanette« von Hannah Gadsby bin ich großer Fan dieses Gemäldes. »Nanette« sollte man sich überhaupt einmal anschauen, weil es nicht nur ändert, was man bisher über Comedy-Specials gedacht hat, sondern das Genre neu definiert. Nach dieser Show denkt man anders und viele Shows wirken danach einfach nur hohl, oberflächlich und leer. Hört sich jetzt nicht so geil an, aber »Nanette« ist etwas, das muss man erlebt haben. Bewusst die Zeit nehmen und anschauen. In einem Rutsch, ohne Pause. Die Show muss wirken.
Jedenfalls erzählt sie darin unter anderem auch von van Gogh. Es besteht immer wieder der Eindruck, Künstlerinnen und Künstler müssten leiden, um etwas Großes erschaffen zu können. Als wäre das etwas, was es zu ertragen gilt, wenn man es zu etwas bringen möchte. Das Joch des Künstlers. Verdammt dazu, sein Genie mit Pein zu bezahlen. Das ist absoluter Bullshit. Menschen, die leiden, erschaffen etwas als Kompensation, weil sie es nicht mehr ertragen und ein Ventil benötigen. Aber das ist keine kausale Kette, die sich immer bedingt und ohne die das Gleiche nicht möglich wäre. Ich hasse dieses Argument und ich kann gar nicht genug sagen, wie sehr es mich aufregt, wenn das jemand so hinstellt, als wäre es etwas vollkommen Normales. Bullshit. Hört damit auf.
Natürlich hält sich dieses Gerücht auch zu van Gogh. Und er hatte psychische Probleme, so viel ist wohl belegt und allgemein bekannt. Er hat sich immerhin auch das Leben genommen; viel zu früh. Er hat gelitten, aber nicht still und heimlich nur für sich. Gadsby erzählt, dass Vincent sehr wohl einen Arzt hatte, den er aufsuchte und der ihn medikamentös unterstützte. Jetzt geht es in verschiedene Theorien hinein. Eine davon ergibt durchaus Sinn und wird auch von Gadsby geschildert. Ich habe dazu etwas recherchiert und sie ist zumindest nicht unplausibel.
Es gibt die These, dass van Gogh unter anderem Medikamente bekam, die Digitalis enthielten, einen aus Fingerhut gewonnenen Wirkstoff. Digitalis kann die Farbwahrnehmung beeinflussen. In diesem Zusammenhang fällt oft der Begriff Xanthopsie: eine gelbstichige Wahrnehmung, bei der die Welt stärker in Gelbtönen erscheinen kann. Hätte sich Vincent van Gogh also nicht wegen seiner psychischen Erkrankungen behandeln lassen, hätten wir vielleicht nicht einmal eines der berühmtesten Werke des Künstlers.
Künstler müssen nicht leiden für die Kunst. Das ist Bullshit.
Seit ich diese Theorie kenne und weiß, dass sie in Kunstkreisen diskutiert wird und zumindest plausibel ist, sind die Sunflowers mein absolutes Lieblingsgemälde. Sie sind ein Symbol dafür, dass man nicht leiden muss, dass es Hilfe gibt und man sie sich holen kann und soll. Um Hilfe zu bitten, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Die Sunflowers sind eine stete Erinnerung daran.
Schaut »Nanette«.
