Medienversagen im Sommerloch

Eigentlich wollte ich nicht über das Thema schreiben, aber es geht mir nicht mehr aus dem Kopf und das ist für mich das Zeichen, doch etwas zu digitalem Papier zu bringen. Es geht um unseren Bundeskanzler Stocker und seine „kontroverse“ Aussage, dass Kinderbetreuung keine Arbeit sei. Ich sag’s gleich: Ja, da hat er recht. Kinderbetreuung ist keine Arbeit. Ich habe mir weder den Livestream angeschaut noch war ich dabei. Ich habe mir aber nachträglich den Ausschnitt angeschaut. Ich kann mir gut vorstellen, dass man bei dieser Aussage zusammengezuckt ist und wusste, dass er etwas losgetreten hat, was eigentlich nicht hätte sein müssen. Und natürlich konnte man sich auf unsere Medien verlassen, dass sie sich darauf stürzen wie die Geier. Ich hätte zwar gehofft, dass sie einen besseren Ton finden würden, das war aber leider nicht der Fall.

Dabei waren die wenigen Minuten, die der Austausch dauerte, eher suboptimal. Zum einen war die Fragestellerin äußerst aufgebracht. Sie fuhr den Bundeskanzler regelrecht an, warf ihm irgendwelche Statistiken an den Kopf und behauptete, er kenne diese nicht einmal. Erstens ist das eine Anmaßung. Zweitens: Wenn er diese Statistik oder Studie oder was auch immer nicht kennt, so what?! Dafür hat er Minister*innen und andere Ansprechpartner, die Spezialisten auf ihren jeweiligen Gebieten sind. Dass ein Bundeskanzler nicht jede Statistik zu jedem politischen Themengebiet auswendig kennt, halte ich nicht für einen Skandal. Außerdem weiß man nie, mit welchen Themen er sich gerade im Hintergrund auseinandersetzen muss. Vielleicht war das gerade ein Thema, das immer wieder hochkocht, und er wollte nicht mehr darüber reden. Ja, ich nehme den Bundeskanzler ein wenig in Schutz und das liegt am Medienversagen rund um seine Aussage.

Vielleicht hätte er es in der Situation genauer erklären sollen, was er meint, wenn er sagt, Kinderbetreuung sei keine Arbeit. Aber es ist klar, dass es keine ist. Für mich ist offensichtlich, dass Stocker in diesem Zusammenhang von Erwerbsarbeit gesprochen hat. Am meisten enttäuscht bin ich übrigens von FM4, einem Sender, den ich sehr gerne höre. Sie haben einen Sketch ausgestrahlt, in dem es, wenn ich mich recht erinnere, um einen Kindergartenbetreuer ging und darum, dass der Bundeskanzler diesen Beruf nicht als Arbeit anerkennt. Was für ein Blödsinn. Wer Kinderbetreuung als Beruf ausübt, für den ist es selbstverständlich Arbeit. Aber für Eltern, die sich im Zweifel dafür entschieden haben, Kinder zu bekommen, ist es eben keine Erwerbsarbeit. Geht diese Einordnung in der medialen Empörung ausreichend hervor? Meiner Ansicht nach viel zu selten.

Das ist mal wieder ein klassischer Fehler unserer Medienlandschaft. Alle stürzen sich auf dieses Thema, machen sich lustig, kritisieren und so weiter. Was ich vermisse, sind Erklärungen dazu, was der Bundeskanzler gemeint hat. Er selbst kann es jetzt kaum noch erklären, ohne dass jede weitere Äußerung wie Zurückrudern wirkt. Es wäre die Aufgabe der Medien, diese Begründung stärker einzuordnen, anstatt sich vor allem an einem einzelnen Satz abzuarbeiten. Und noch einmal: Es ist keine. So wie die Medien mit dem Thema umgehen, spielen sie den rechten Medien, Politikern und Parteien in die Hände. Diese können das für sich nutzen und Stimmung gegen die Regierung machen. Wir haben absolut nichts gelernt in den vergangenen Jahren.

Ich bin enttäuscht. Aber nicht von unserem Bundeskanzler. Sondern von den Medien und den Menschen, die nicht in der Lage sind, einen Meter weit nachzudenken und die Aussage einzuordnen. Die Diskussion müsste man in andere Richtungen lenken: bessere Kinderbetreuung, Familienzuschläge, Ganztagsbetreuung, Gratisangebote in diese Richtung. Aber die Diskussion sollte nicht lauten, dass Eltern dafür bezahlt werden, ihre eigenen Kinder zu betreuen. Ich habe mich aktuell gegen eigene Kinder entschieden. Bekomme ich eine Entschädigungszahlung? Oder wie komme ich dazu, dass andere für, ich sage es jetzt bewusst überspitzt, „Freizeitaktivitäten“ bezahlt werden? Und wenn man das weiterdenkt, sind wir schnell beim Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“, aber darüber will ja erst gar niemand reden. Unfassbar, wie sehr man über ein Thema verfehlt berichten kann. Als hätten wir sonst keine Probleme auf dieser Welt, über die man schreiben könnte. Reißt euch zusammen.