Manosphere, oder: Manoschwach

„Manosphere“ – allein schon wenn ich bezichtigt würde, einer Gruppierung mit dieser Bezeichnung anzugehören, würde ich mich schleunigst davon distanzieren. Wobei der Begriff etwas irreführend ist. Dabei handelt es sich nicht um eine einheitliche Gruppierung, sondern um ein loses Sammelbecken unterschiedlichster Online-Subkulturen. Darunter fallen unter anderem Incels, Red- und Black-Pill-Communities, Pick-up-Artists, sogenannte Männerrechtsaktivisten und Looksmaxxer. Die Bandbreite reicht von vermeintlich harmloser Selbstoptimierung bis zu offenem Frauenhass.

Und manche Auswüchse sind derart absurd, dass ich gerne behaupten würde, ich hätte sie erfunden. Beim sogenannten „bone-smashing“, einem extremen Teil des Looksmaxxings, schlagen Menschen etwa mit harten Gegenständen auf ihre Gesichtsknochen ein, weil sie glauben, dadurch attraktiver zu werden. Nein, kein Scherz. In Teilen dieser Szene werden außerdem Steroide, Hormone oder irgendwelche unregulierten Substanzen als Abkürzung zur vermeintlich perfekten männlichen Erscheinung propagiert. Alles im Namen der Selbstoptimierung und des „echten Mannes“.

Dazu kommt eine besonders unangenehme Mischung aus Frauenfeindlichkeit, Dominanzfantasien und der Vorstellung, Männer in „Alpha“ und „Beta“ einteilen zu müssen. Bei manchen prominenten Figuren bleibt es nicht bei widerwärtigen Aussagen. Andrew und Tristan Tate etwa müssen sich derzeit mit einer ganzen Reihe schwerwiegender strafrechtlicher Vorwürfe auseinandersetzen, darunter Vergewaltigung, Körperverletzung und Menschenhandel beziehungsweise die Ermöglichung sexueller Ausbeutung. Sie bestreiten die Vorwürfe.

Andere runterzumachen, um selbst besser dazustehen und dann auch noch die Frechheit zu besitzen, so etwas als Verhalten von Alpha-Männern, echten Männern oder besonders maskulinen Männern zu verkaufen, ist vieles, aber vor allem peinlich, dumm und feige. Nebenbei ist um diese Ideologien längst eine ganze Industrie entstanden. Kurse, kostenpflichtige Communities, Coachings, Supplements und was auch immer einem verzweifelten jungen Mann gerade verkauft werden kann. Erst wird einem eingeredet, man sei nicht gut genug, und praktischerweise verkauft derselbe Mensch anschließend die Lösung.

Diese Menschen, sorry, echten Männer, gehören für tatsächliches Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen. Und über den Rest sollte man sich bei jeder Gelegenheit lustig machen. Denn vieles davon ist genau das: lächerlich.

Ich habe darüber nachgedacht, wer von außen betrachtet eigentlich perfekt in das Bild passen müsste, das diese Manosphere vom idealen Mann zeichnet und trotzdem ein ziemlich gutes Gegenbeispiel dafür abgibt. Ich bin dabei immer wieder bei Arnold Schwarzenegger gelandet.

Natürlich ist Schwarzenegger kein Heiliger. Das wäre auch eine ziemlich dämliche Behauptung. Er hat Steroide genommen, hatte während seiner Ehe eine Affäre und wurde in der Vergangenheit von Frauen mit Vorwürfen sexuellen Fehlverhaltens konfrontiert. Er selbst sagte Jahre später, er habe mehrfach Grenzen überschritten und entschuldigte sich dafür. Seine politische Karriere lasse ich ohnehin außen vor. Die ist ein eigenes Fass, das wir heute nicht aufmachen müssen.

Aber gerade deshalb finde ich ihn als Gegenentwurf interessant. Schwarzenegger erzählt nicht die Geschichte eines perfekten Mannes, sondern die eines Menschen, der sich Ziele setzt, hart dafür arbeitet, grandios scheitert, Fehler macht und weitermacht. Sein Ideal von Selbstverbesserung besteht zumindest heute nicht daraus, andere Menschen kleiner zu machen, damit man selbst größer aussieht.

Seit 2023 gibt es beispielsweise Arnold’s Pump Club mit einem täglichen Fitness- und Gesundheitsnewsletter. Dort geht es um Training, Ernährung, Studien und darum, Menschen zu motivieren, gesünder zu leben. Kein Hammer ins Gesicht, kein „Du bist wertlos, wenn du nicht so aussiehst wie ich“, kein Alpha-Beta-Geschwurbel. Trainieren, sich vernünftig ernähren, realistische Fortschritte machen und akzeptieren, dass es keine magische Abkürzung gibt. Scheinbar ein revolutionärer Gedanken, den noch nicht alle verstanden haben.

Was mir außerdem gefällt: Schwarzenegger kann über sich selbst lachen. Etwas, das mir bei den winzigen Einblicken, die ich durch Artikel und Videos in die Manosphere bekomme, ohnehin fehlt. Diese Menschen wirken permanent wütend und ernst. Woran erfreuen sie sich eigentlich?

Für Fehler einzustehen, ist für mich wesentlich näher an wahrer Stärke als dieses ganze Alpha-Gehabe. Genauso wie auch mal zu sagen: Ich weiß es nicht. Man muss nicht zu allem eine Meinung haben, muss nicht jede Unsicherheit hinter Dominanz und Aggression verstecken und nicht aus jedem Lebensbereich einen Wettbewerb machen.

Männlichkeit bedeutet für mich jedenfalls nicht, andere kleinzumachen, um selbst größer zu wirken. An sich zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen, anderen zu helfen, über sich selbst lachen zu können und Fehler einzugestehen, klingt wesentlich besser. Aber ist auch nicht immer einfach oder unanstrengend. Genau das dürfte aber das Problem sein.

Die Manosphere ist ein großer Witz. Leider ohne Pointe.