Jugendradio

Ich lese gerne den Standard. Beziehungsweise dessen Online-Ausgabe. Denn eine Sache, die den Standard so einzigartig macht, ist das hochfrequentierte Forum. Schund wie die Kronen Zeitung oder andere großbuchstabige »Medien« lese ich nicht, daher kann ich das nur für eine Handvoll journalistischer Angebote beurteilen. Nirgendwo sonst fällt mir allerdings ein dermaßen aktives Kommentieren und Diskutieren auf. Klar, nicht jeder Kommentar ist es wert, gelesen zu werden, und wer weiß, was los wäre, würde der Standard das Forum nicht kontrollieren und moderieren. Aber grundsätzlich lese ich gerne die Kommentare. Besonders gerne mag ich die von Usern erstellten Frageforen. Es findet sich immer wieder Interessantes und man bekommt ein Gefühl dafür, wie Leute denken. Natürlich nur ein ausgewählter Teil, aber trotzdem spannend.

Letztens stellte jemand eine Frage bezüglich FM4. Im Büro läuft ausschließlich FM4 und ich höre den Sender seit Jahren sehr gerne. Kollege J. hat mich darauf gebracht. Mittlerweile höre ich FM4 auch im Auto und gelegentlich zu Hause oder beim Bemalen von Warhammer-Figuren. Ich mag das Zweisprachige am Sender. Sie spielen immer wieder neue Dinge, stellen österreichische Sänger*innen und Künstler*innen vor und sind schlicht sympathisch. Dort wird über queere Themen genauso geredet wie über Wissenschaft, den Klimawandel und so weiter. Es ist ein abwechslungsreiches Programm, und die Sendungen machen Freude. Die Fragestellerin oder der Fragesteller beschwerte sich allerdings, dass man sich bei FM4 nicht mehr zu Hause fühle.

Immer wieder fällt dabei das Wort »Jugendradio«. FM4 sei zu einem Jugendradio »umgebaut« worden. Was soll das überhaupt sein? Ein Jugendradio? Die Definition auf Wikipedia liest sich wie die Beschreibung eines ganz normalen Radiosenders. Ich hätte mir nie gedacht, dass ich zu alt für FM4 wäre. Aber das ist sowieso etwas, das ich ablehne: etwas zu tun oder nicht zu tun, weil man nicht das »richtige« Alter hat. Natürlich macht man manchmal Scherze oder sarkastische Kommentare über das eigene Alter, aber das Letzte, über das ich mich zu definieren anfange, ist mein Alter. Ich lehne das ab. Genauso wie dieses »in Würde altern«. Ein Kommentator im Forum schreibt etwa: »FM4 soll ›in Würde altern‹? Nicht mal ich selbst will in Würde altern!«

FM4 ist mittlerweile eben 30 Jahre alt. Die Moderatorinnen und Moderatoren sowie die Verantwortlichen für die Programme sind älter geworden, wurden ausgetauscht oder sind neu dazugekommen. Manchmal verändert sich der eigene Geschmack, manchmal bleibt er gleich oder wird fokussierter. Ich hoffe doch sehr, dass ich in zehn Jahren nicht derselbe bin wie heute, genauso wenig wie ich heute derselbe bin wie vor zehn Jahren. Hätte mir jemand vor zehn Jahren gesagt, dass ich jedes Wochenende nach Salzburg fahre und immer wieder an Führungen teilnehme, um die Stadt besser kennenzulernen, hätte ich diese Person für verrückt erklärt. Genauso ist es bei meinem Musikgeschmack. Ich höre Madonna und Michael Jackson genauso wie Eminem, Lady Gaga oder Paradise Lost. Ich entdecke immer wieder neue Songs aus Genres, die ich vorher nicht so bedacht hatte.

Sich überraschen lassen, auch von sich selbst und der eigenen Meinung. Das ist es, was für mich interessant ist. Ich schreibe einen täglichen Blog genau deshalb. Weil ich offener sein möchte. Offener für neue Erfahrungen, Interessen und die Welt im Allgemeinen. Natürlich wiederholen sich Themen oder tauchen immer wieder auf. Warhammer, Videospiele und Co. Aber auch innerhalb von Hobbys kann man sich offen zeigen. Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mal gespannt dem Release eines Videospiels entgegenfiebere, in dem man Gras schneidet. Aber hier sind wir nun einmal. Und es ist okay.

Und genau das mag ich auch an FM4. Sie spielen immer wieder neue Musik, reden über Themen, die ich so vielleicht nicht bedacht habe, und bieten Sichtweisen, die manchmal überraschen. Werde ich immer FM4 hören? Vielleicht ja, vielleicht nein. Beides ist okay. Man darf auch mal etwas nicht mehr hören. Man darf sich verändern, weiterentwickeln. Das ist nicht verboten, sondern sogar etwas Positives.