Geht es nur mir so, oder verlieren sich auch andere abends in einem YouTube-Loch, aus dem man kaum mehr herauskommt? Man sitzt da, hat gerade zu Abend gegessen und genießt noch eine verantwortungsvolle Tasse Kaffee – es ist ja erst halb acht – und will das neue Video eines Kanals schauen, den man schätzt. Am Ende sitzt man nach zwei Stunden immer noch da und sieht sich Simulationen an, in denen Autos verschiedenste Strecken hinunterrasen und am Ende kaum eines übrig bleibt. Das sind jene Abende, an denen ich gerne meine Sehgewohnheiten überdenke und überlege, YouTube zu kündigen. Trotzdem bleibt es mein primärer Streaming-Dienst, zudem nutze ich dessen Musik-Ableger, weil ich nicht noch ein Abo bezahlen möchte. Es fügt sich alles gut zusammen.
Dann kam mir letztens eine Idee, wie ich solche Abende in eine andere Richtung steuern kann. Meist ist es ohnehin so, dass ich mich nach dem geplanten Video etwas anderem zuwende. Beispielsweise widme ich mich meinem Projekt für 2027, lese etwas oder kümmere mich um andere Sachen. Für jene Abende, an denen man scheinbar nicht wegkommt und der Algorithmus zu gewinnen scheint, habe ich nun eine alternative Strategie. Sun Tzu sagte so etwas Ähnliches wie: Kenne deinen Gegner. Er hätte sich wohl nur nicht vorstellen können, dass dieser Gegner in Form einer algorithmusgesteuerten Videoplattform daherkommt.
Jedenfalls dachte ich mir, dass solche Abende im Grunde mit Langeweile zu tun haben. Oder damit, dass man erst nicht genau weiß, wie man diesen verbringen möchte. Vielleicht war es ein langer Tag in der Arbeit, man hat noch trainiert oder war einkaufen und sitzt nun da, hat sein Abendessen genossen und es ist gerade sehr gemütlich auf der Couch. Spaßige Videos unterstreichen diese Atmosphäre. Das Gehirn wird regelmäßig belohnt, es leuchtet etwas vor den Augen und macht lustige Geräusche. Was könnte man daran nicht mögen oder gar schlecht finden? Es ist wie die Schlange im Dschungelbuch, die einem einredet, dass man das ja möchte und am besten hierbleibt. Was will man schon mit einem gemütlich lustig singenden Bären anfangen? Bleib auf der dunklen Seite, junger Padawan.
In solchen Momenten kann ich der Schlange nur eine Liste auf meinem Smartphone zeigen und rufen: „Heidewitzka, ich bin vorbereitet! Nimm das, du Schuft.“ Dann wird die Schlange wahrscheinlich fragen, was da steht, weil sie nicht lesen kann, und ich trage ihr meine LangeweileListe vor. Richtig gelesen, ich habe mir eine LangeweileListe gemacht. Klingt lustig, ist aber so. Tatsächlich sitzt man doch meist da und denkt, es gibt im Moment nicht wirklich was zu tun und man will den Abend nun einmal mit YouTube verbringen. Was ist denn so schlecht daran? Später beschäftigt man sich etwas mit dem Blog und macht ein paar Wartungsklicks. Da merkt man, dass etwas zu tun gewesen wäre, das die kreativen Muskeln eher gestärkt hätte, als lustige Videos zu schauen.
„Was steht also auf dieser Liste?“, fragt die Schlange neugierig. Darauf kann ich antworten: den Blog aktualisieren, im Journal schreiben, lesen, eine Playlist für den Roadtrip zusammenstellen, das Wohnzimmer aufräumen, einen Film schauen, YNAB aktualisieren, Karten für meine Cardmarket-Wantlist der fehlenden Pokédex-Karten heraussuchen und noch ein paar andere Dinge. Wichtig ist, dass es etwas ist, das eine niedrige Eintrittsschwelle hat. Sprich, es muss einfach von der Hand gehen. Es kann mit dem Suchen von coolen Pokémon-Karten beginnen und mit der speziellen Wantlist enden. Es kann mit dem Anhören eines Lieds beginnen und am Ende hat man den Anfang einer fetzigen Playlist. Es kann das Wegräumen eines liegen gebliebenen Gegenstands sein und im nächsten Moment hat man das Wohnzimmer aufgeräumt oder diverse Klemmbausteinsets zerlegt, die man nicht mehr braucht und spenden wollte. Das ist der Moment, in dem man der Schlange den Schneeballeffekt erklärt. Weiß Kaa, was „Schnee“ ist?
Naja, ich habe nun also eine LangeweileListe. Ich habe diese erst vor Kurzem erstellt und hatte noch keine langfristige Möglichkeit, diese zu konsultieren, wenn sich wieder einer dieser speziellen „sinnlosen“ Abende anbahnt. Mal sehen, ob es funktioniert.
