Ende September habe ich mir im Kult „Kunst“ von Yasmina Reza angeschaut. Dass ausgerechnet in Hof bei Salzburg das Stück aufgeführt wird, welches ich vor nicht allzu langer Zeit gelesen habe, ist ein schönes Timing. Es ist nicht weit weg und der Termin lag günstig. Außerdem war es eine hochkarätige Besetzung: Christoph Grissemann, Manuel Rubey und Robert Stachel spielen die drei Freunde, die sich um ein weißes Bild mit weißen Querstreifen streiten.
Es war ein langer Tag und ich habe mir ernsthaft überlegt, nicht hinzufahren. Doch da ich die Karte schon mal hatte, wollte ich diese nicht verschwenden. Der Eintritt kostete 34 €. Nicht teuer, aber auch nicht billig. Ich bin sehr froh, mich dafür entschieden zu haben. Gleichzeitig war es ein toller, aber überraschend anderer Abend, als ich mir vorgestellt hatte. Das beginnt schon damit, dass es nicht wie ein typisches Theaterstück aufgeführt wurde. Grissemann bezeichnete es als szenische Lesung, wenn ich mich richtig erinnere. Das heißt, die drei kamen auf die Bühne, setzten sich an einen Tisch, jeweils mit dem Manuskript vor sich. Ebenfalls auf der Bühne befand sich das weiße Bild. Ansonsten keinerlei Requisiten.
So etwas habe ich noch nicht erlebt, dass wirklich von einem Skript abgelesen wurde. Gut, manche Passagen konnten sie auswendig. Besonders Rubey hat mich mit dem ellenlangen Monolog von Ivan überrascht und eine hervorragende Performance hingelegt. Es hat allerdings nicht gestört, dass sie mit Skripten gearbeitet haben. Im Gegenteil. Die erste Hälfte bestand aus einer gesunden Mischung zwischen Lesung und improvisierten Kommentaren. Ich war sehr froh, das Stück schon einmal selbst gelesen zu haben, so konnte ich diese Mischung umso mehr genießen. Das ist meine größte Kritik an dieser Veranstaltung. Die drei können teilweise nicht aus ihrer Haut heraus, besonders Grissemann. Wenn man „Kunst“ nun zum ersten Mal sieht und erlebt, kann dies sehr ablenkend sein. Die Figuren im Stück und die Charaktere auf der Bühne verschwimmen dabei und manchmal weiß man nicht mehr, was im Stück ist und was nicht.
Das fiel mir insbesondere in der zweiten Hälfte auf. Leider gab es eine knapp über 20-minütige Pause, was nicht hätte sein müssen. „Kunst“ ist ein eher kompaktes Stück, das sollte man entsprechend in einem Rutsch erleben können. Wie dem auch sei, die zweite Hälfte beginnt nach dem langen Monolog Ivans. Das ist die ernsthaftere Hälfte, in der die Freundschaft auseinanderzubrechen droht. Die drei Schauspieler haben diese überraschend ernst gespielt und kaum improvisierte Einlagen eingestreut. Ein Teil des Publikums kam trotzdem nicht mit der Situation zurecht. Manche Kommentare der Figuren im Stück könnte man etwa als Metakommentar auf die Charaktere auf der Bühne verstehen. Wenn man „Kunst“ noch nicht gesehen oder gelesen hat, kann man sich bei einer solchen Art der Aufführung nicht sicher sein, was wirklich im Stück steht und was nicht.
Mich hat es nicht gestört und es war ein hervorragend unterhaltsamer Abend. Ich war noch nie bei einer szenischen Lesung oder dramatischen Lesung oder wie man es auch immer nennen mag. Ich bin froh, hingegangen zu sein. Zum Teil hatte ich gewisse Abschnitte schon wieder vergessen und konnte mein Gedächtnis auffrischen. Zum anderen ist es etwas komplett anderes, ein Stück wie „Kunst“ live zu erleben.
