Es ist Herbst. Ich verbringe ein paar Tage in Stuttgart. Auslöser dafür ist das Konzert von und mit Hans Zimmer. Allerdings habe ich auch Karten für das Queen-Musical »We Will Rock You« ergattert. Nun mache ich mich also am Abend auf den Weg ins Stage Palladium Theater. Nach den ersten Unsicherheiten habe ich das U-Bahn-Netz ziemlich gut im Griff. Ich bin stolz auf mich. Und ja, ich gehe allein ins Musical. Warum auch nicht?
Ich habe die Karten schon vor Monaten gekauft. Ich kann mich noch erinnern, dass sie zwar relativ weit vorne sind, allerdings eher außen. Immerhin steht „1“ auf dem Ticket. Na ja, wird schon passen. Im Theater angekommen, schaue ich mich erst einmal etwas um, nehme die Atmosphäre wahr und gebe meinen Mantel ab. Das Theater ist mittelgroß und die Publikumsreihen sind recht steil. Das gefällt mir. Je steiler, desto besser. Dadurch hat wirklich jede Reihe einen guten Blick. Ich entdecke meine Reihe und suche die Nummer „1“. Zu meiner Überraschung ist es perfekt in der Mitte. Innerhalb der ersten fünf Reihen. Danke, Vergangenheits-Ich, das hast du wunderbar gemacht. Ich freue mich.
Die Lichter werden gedimmt, gehen schließlich ganz aus und die Show beginnt. Ich habe mich nicht vorbereitet, das tue ich nie. Ich lasse mich gerne überraschen und von der Story des Musicals, des Theaterstücks oder was auch immer treiben. Es ist eine Sci-Fi-Geschichte mit durchaus einer Portion Kitsch, aber es funktioniert. Der Protagonist hat sein Gedächtnis verloren und ist eine Art Wiederkehr von Queen. An einem Punkt in der Story, es ist ein lustiger, intimer und spannender Moment, steht er plötzlich am Rand der Bühne, blickt in die Ferne, aber gleichzeitig ins Publikum. Dann kommt er, Freddie Mercurys Markenzeichen. Der Schrei, mit dem Freddie bei Live Aid 70.000 Menschen im Stadion um den Finger gewickelt hatte.
„Eeeeeeeooooo!“
Nichts.
Stille.
Das war letztes Jahr, siehe »Queen Musical«. Dieser Moment geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Als der ikonische Schrei kam, war ich schon bereit, aber das Publikum tat nichts. Ich frage mich bis heute, ob das der Punkt des Musicals gewesen wäre, an dem das Publikum hätte reagieren sollen. Allerdings ist es nicht immer so einfach zu identifizieren, wann bei einem Musical Interaktionen des Publikums gewünscht sind und wann nicht.
Mir hat das Musical außerordentlich gut gefallen. Vielleicht schaue ich es mir noch einmal an, wenn ich das nächste Mal in Stuttgart bin. Dann kann ich mich noch einmal überraschen lassen, ob wir im Publikum nun schreien sollen oder nicht. Es wäre schon cool gewesen. Aber auch etwas ernüchternd, wenn man parallel die Aufzeichnung von Live Aid im Kopf hat.
