Jedermann 2026

Es muss vier Jahre her sein, seit ich zum ersten Mal den »Jedermann« in Salzburg gesehen habe. Es war kurz nach Corona, die Spielstätten fingen langsam wieder an zu öffnen, und Freund J. und ich hatten Glück, dass wir Karten bekommen haben. Die Karten waren für eine Nachmittagsvorstellung, und wir hatten Plätze in der letzten Reihe, direkt vor der Statue mit der personifizierten Kirche. Es war Juli, natürlich war es schrecklich warm, aber die Statue spendete Schatten. Die Schauspieler*innen hatten weniger Glück und spielten gegen die pralle Sonne an. Es war eine gute Vorstellung, doch der Stoff wurde zu modern umgesetzt. Zu experimentell. Ich hatte nichts, womit ich es vergleichen konnte, deshalb nahm ich es einfach mal so hin. Das sollte sich dieses Jahr ändern.

Der Geheimtipp, der leider keiner mehr ist, ist die Generalprobe. Die Karten dafür werden erst einige Tage davor freigeschaltet, und man hat, wenn man rechtzeitig dran ist, gute Chancen, Karten zu erwischen. Dieses Jahr gingen wir also in die Generalprobe, saßen etwas links oberhalb der Mitte und hatten einen perfekten Blick auf die Bühne. Links zu sitzen ist für die Kulisse ein Traum. Man sieht nicht nur den Dom perfekt, sondern im Hintergrund wacht auch die Festung. Es ist beeindruckend. Die Abendvorstellung ist zudem deutlich atmosphärischer als jene am Nachmittag. Die Vorstellung begann um 21 Uhr, die Sonne ging bereits unter, und bis zum Ende der Show war es dunkel. Nur noch die Scheinwerfer leuchteten auf der Bühne. So kann die Inszenierung sämtliche Möglichkeiten der Bühnentechnik nutzen.

Die Inszenierung gleicht jener vom letzten Jahr und ist nicht mit der ersten zu vergleichen, die ich gesehen habe. Zur Besetzung gehören Dominik Dos-Reis als Tod, Philipp Hochmair als Jedermann, Daniela Ziegler als Jedermanns Mutter, Christoph Luser als Jedermanns guter Gesell beziehungsweise Teufel, Jannik Görger als Hausvogt und Roxane Duran als Buhlschaft. Man kennt die Geschichte, aber trotzdem hat sie mich erneut hineingezogen. Ich habe mitgefiebert, und wenn der Tod auftritt, herrscht eine einzigartige Stimmung. Der Stoff, der immerhin schon ein paar Monde auf dem Buckel hat, weiß eben immer noch zu überzeugen. Und Hochmair spielt Jedermann mit einer Selbstverständlichkeit und einer Lockerheit, die überzeugen kann. Aber auch der restliche Cast muss sich dahinter nicht verstecken. Alle Performances sind auf höchstem Niveau.

Es macht unfassbar viel Freude, dieses Stück immer wieder zu sehen. Ich hoffe sehr, nächstes Jahr erneut die Gelegenheit dazu zu bekommen. Immerhin gehört »Jedermann« zu Salzburg, und als Einheimischer sollte man doch meinen, stets Gelegenheit dazu zu haben. Es sollte keine Vetternwirtschaft, keine reservierten Karten und dergleichen geben. Das steht auch ein wenig im Widerspruch zum Stück. Jeder und jede sollte die Chance haben, dieses einzigartige Stück sehen zu können. Allein wenn man im Halbdunkel sitzt, vorne auf der Bühne eine Party mit Breakdancern stattfindet und plötzlich aus zig unbestimmbaren Richtungen »Jedermann!« gebrüllt wird, lässt sich eine Gänsehaut kaum vermeiden. »Jedermann« ist Salzburg und Salzburg ist (unter anderem) »Jedermann«.