MCU | Spider-Man: Brand New Day

Der folgende Text enthält Spoiler zu »Spider-Man: Brand New Day«.

Ich habe nicht viele Trailer von »Brand New Day« gesehen. Vor Filmen versuche ich eigentlich immer, so wenig wie möglich vorher anzuschauen. Einem Trailer kann man meist nicht aus dem Weg gehen, da er der Standardtrailer ist, der in Kinos läuft. Allerdings gibt es ja auch noch Clips in sozialen Netzwerken und mehr. Der eine Trailer hat allerdings schon ausgereicht, damit ich mir Sorgen gemacht habe. Nehmen sie sich zu viel vor? Man sah zu viele coole Gegner aus den Comics, die jeweils einen Film füllen könnten. Sie nun alle in einen zu packen, klang nach dem üblichen Sony-Problem. Überraschenderweise funktioniert der Film aber hervorragend. Sorgen mache ich mir weiterhin, aber aus ganz anderen Gründen. Aber alles der Reihe nach.

Seit dem Ende von »No Way Home« sind ein paar Jahre vergangen. Das wird im Laufe des Films zwar an einer Stelle erwähnt, aber man sieht es auch. Es ist Visual Storytelling vom Feinsten. Zu Anfang gibt es einen Zusammenschnitt davon, wie sich Spider-Man um diverse Mobs, Bosse und Charaktere kümmert, die man aus den Comics kennt. Er hat einen guten Ruf, bekommt den Schlüssel der Stadt und ist überhaupt sehr beliebt. Das ist ein schöner Kontrast zum sonstigen Spider-Man-Image, das typischerweise von J. Jonah Jameson geprägt wird. Das hätte allerdings zu sehr abgelenkt. So kann sich der Film vollkommen auf den emotionalen Konflikt des Protagonisten konzentrieren.

Tom Holland beweist wieder einmal, welch begnadeter Schauspieler er ist. Zum einen sieht man ihm die Jahre als Spider-Man physisch an. War Holland schon in den vergangenen Iterationen durchtrainiert, aber eher lean, so hat er einige Kilos an Muskelmasse zugelegt. Da sich Peter Parker Vollzeit seiner Spider-Man-Persona hingibt, ist das nachvollziehbar. Aber natürlich überzeugt Holland auch schauspielerisch. Die inneren Konflikte, die Trauer und das Trauma darüber, dass ihn alle vergessen haben, sitzen tief. Doch auch die Weiterentwicklung Spider-Mans sieht man immer wieder deutlich, wenn seine Emotionen hochkochen. All diese unterschiedlichen Nuancen spielt Tom Holland mit einer Leichtigkeit, die ich ehrlicherweise nicht erwartet hatte. Bitte bewerft diesen Mann mit Geld und baut das Spider-Man-Universum weiter aus. Es ist aktuell das beste Franchise, das Marvel und Sony haben.

Aber natürlich müssen sich die anderen Schauspielerinnen und Schauspieler nicht verstecken. Immerhin haben wir hier Zendaya (MJ), Jacob Batalon (Ned Leeds), Sadie Sink (Jean Grey), Jon Bernthal (Frank Castle), Mark Ruffalo (Dr. Bruce Banner), Tramell Tillman (William Metzger), Liza Colón-Zayas (Detective Jean DeWolff), Florence Pugh (Yelena Belova), Michael Mando (Mac Gargan) und natürlich Marisa Tomei. Doch selbst die besten Schauspieler*innen könnten ein schlechtes Drehbuch nicht aus dem Sumpf heben. Zum Glück ist »Brand New Day« mit einem hervorragenden Drehbuch gesegnet. Allein die Dialoge machen so viel Freude beim Zuschauen. Ich wurde immer tiefer in die Szenen hineingezogen und bin an den Lippen der Schauspieler*innen gehangen, egal, welche popcornfressende Geräuschkulisse um mich herum herrschte.

Dabei fühlt sich nichts gezwungen oder überhastet an. Es ist die natürliche Entwicklung der Geschichte, der wir hier folgen. Charaktere, die im Trailer wie Gegner wirkten, werden hier zu passenden Kollegen. Andere werden im Zusammenschnitt des Intros verbraten. Das hat mich zunächst etwas geärgert, da ich mir dachte: Das würde ich gerne sehen. Aber so haben sie innerhalb weniger Minuten eine komplette Spider-Man-Welt etabliert, die die meisten Fans zumindest im Ansatz kennen sollten. Wir müssen nicht alles sehen und ausformuliert bekommen. Die Dynamik zwischen Frank und Spider-Man etwa. Diese ist dermaßen pointiert und gut geschrieben, ich hätte ihnen noch zwei Stunden zuschauen können. Alles wirkt wie Teil einer größeren Welt und nicht nur wie der nächste Plotpoint.

Selbst der Gegenspieler beziehungsweise die Gegenspielerin entpuppt sich nicht als klassischer Bösewicht. Es ist eine tragische Geschichte, die von vielen missverstanden wird, Peter Parker eingeschlossen. Damit bekommt die Welt eine weitere Ebene verpasst und alle Charaktere bekommen eine Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Es ist unfassbar, wie frisch und unverbraucht sich dieser Film anfühlt. Es ist immerhin der vierte Solo-Film und der x-te Auftritt dieses Spider-Mans. Trotzdem haben die Verantwortlichen es geschafft, dass es sich wirklich nach einem »Brand New Day« anfühlt, genau wie es damals in den Comics der Fall war. Spider-Man musste quasi neu erfunden werden, deshalb entschied man sich für diese „Initiative“, und es hat funktioniert. Es ist schön zu sehen, dass die Filmversion dem in nichts nachsteht.

Bevor ich zu den letzten Gedanken zum Film und zur Zukunft des MCU komme, möchte ich noch etwas erwähnen, das mich innerhalb der ersten Minuten fast von meinem Sitz aufspringen ließ: Der Anzug flattert!!! Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Die bisherigen Anzüge von Tom Hollands Spider-Man haben ihm ja quasi auf dem Leib geklebt. Dieser Anzug darf atmen. Es gibt Falten, und wenn Spider-Man sich durch die Luft schwingt, flattert der Stoff. Das erzeugt eine Dynamik, die man nicht unterschätzen darf. Deshalb ist auch einer meiner bisherigen Lieblingsanzüge aus den Filmen derjenige von Andrew Garfield. Auch dieser hatte etwas Natürliches an sich, etwas Selbstgemachtes. Toll, dieses kleine, aber essenzielle Detail zurückkehren zu sehen. Überhaupt gefällt mir der Anzug sehr gut. Und die KI-Assistentin ist ein netter Nebencharakter und bei Weitem nicht so omnipräsent wie früher. Der Film macht schlicht sehr viel richtig.

Sogar das CGI fügt sich nahtlos in die Live-Action-Sequenzen ein. Gegen Ende haben wir zwar mal wieder Szenen, die eindeutig nicht vor Ort gedreht wurden, sondern im „Volume“, der wohl schlimmsten Erfindung Hollywoods. Aber bis auf eine Handvoll Ausnahmen wirkt alles wie eine kohärente Welt. So haben wir Spider-Man noch nie durch die Straßenschluchten von New York schwingen sehen. Die Blickwinkel sind teilweise wirklich atemberaubend, kreativ und mal wieder eine neue Interpretation von etwas, das ich eigentlich für auserzählt gehalten hatte. Egal, ob beim Schwingen durch die Stadt, in den Actionszenen oder in den tollen Kulissen: »Brand New Day« fühlt sich schlicht gut an.

Und genau das ist eigentlich das Problem. »Fantastic Four«, »Thunderbolts*« und jetzt »Spider-Man: Brand New Day« sind das Beste, was Marvel seit »Endgame« produziert hat. Und alles ist neu. Neue Charaktere, neue Welten, neue Dynamiken und Entwicklungen. Es ist fresh und ich bin tatsächlich endlich mal wieder begeistert und voller Feuer für das MCU. Wenn da nicht der kleine Film »Doomsday« wäre. Warum dieser Film? Und warum jetzt? Nach diesen drei großartigen MCU-Einträgen fühlt sich »Doomsday« altbacken an. Er wirkt wie ein Notfallplan, und genau das ist er, obwohl es ihn gar nicht bräuchte. Sie hätten darauf vertrauen müssen, dass ihre weiteren Projekte das Publikum zurückholen. Dann hätte man Dr. Doom auch besser vorbereiten und in zwei Jahren »Doomsday« machen können.

Ich mache mir wirklich Sorgen, dass »Doomsday« ein überladenes Relikt wird, das darauf setzt, Schauspielerinnen und Schauspieler zurückzuholen und zwei Minuten über die Leinwand springen zu lassen, damit man sie ein letztes Mal sieht. Ein Relikt, das schon vor dem Release aus der Zeit gefallen wirkt. Ich bin gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen. Wirklich. Aber »Fantastic Four«, »Thunderbolts*« und »Spider-Man: Brand New Day« haben eine Richtung eingeschlagen, die mir sehr gut gefällt. Sie erzählen eigene Geschichten mit eigenen Charakteren, die aber trotzdem ins größere Ganze eingebunden sind. Besonders »Brand New Day« bereitet die Einführung der X-Men im MCU vor. Deshalb verstehe ich noch weniger, warum man die alte Garde zurückholt.

»Doomsday« kommt aber erst in ein paar Monaten. Ich freue mich schon jetzt auf den Rewatch von »Brand New Day« und vielleicht sogar der anderen Spider-Man-Filme. Sony wird häufig dafür gescholten, Spider-Man zu sehr auszuquetschen. Doch mittlerweile hat sich das gesamte Franchise, inklusive der beiden alten Reihen mit Andrew Garfield und Tobey Maguire, zu einem wunderbaren Gesamtwerk gemausert. Und bitte behaltet Tom Holland noch länger als Peter Parker und Spider-Man. Er macht einen hervorragenden Job. Es gibt noch so viele Geschichten zu erzählen, und die aktuelle Crew passt wunderbar zusammen.