Zwei Jahre sind doch gar nicht so schlecht. Da habe ich zum Teil schon länger gebraucht, um einen Film oder eine Serie nachzuholen. Als »The Crow« in die Kinos kam, wollte ich ihn mir eigentlich schon ansehen, habe es aber irgendwie nie ins Kino geschafft. Dann hatte ich vor, mir die 4K-Blu-ray vorzubestellen, aber die war mir immer zu teuer. Nun habe ich »The Crow« auf Amazon Prime Video entdeckt und meinen Urlaub Anfang Juni genutzt, um ihn endlich anzuschauen.
Nicht erst seit »Es« bin ich großer Fan von Bill Skarsgård, der hier den titelgebenden „Helden“ Eric Draven spielt. Er ist ein großartiger, talentierter Schauspieler, aber genau solche Rollen passen einfach besonders gut zu ihm. Gut inszenierte Bilder, ein cooler und teils horrorhafter Soundtrack und diese ständige Erwartung, dass gleich etwas Schlimmes passieren wird. Ob man nun auf der Seite seiner Figur steht oder um diejenigen bangt, die ihm gegenüberstehen: Bill Skarsgård hat eine einzigartige Aura, die in diesem Film mal wieder perfekt zur Geltung kommt. Dabei lässt sich der Film viel Zeit und überstürzt nichts, denn die grundlegende Geschichte ist eigentlich recht simpel.
Eric und seine neue Freundin Shelly Webster (FKA Twigs) werden von einer Horde Dämonen (?) getötet. Doch Eric bekommt in einer Zwischenwelt die Chance, ihre Morde zu rächen und so Shelly zurückzuholen. Genau darauf fokussiert sich der Film. Mit einer Länge von gerade einmal 112 Minuten ist »The Crow« von 2024 angenehm kurz. Moderne Filme haben manchmal den Drang, alles furchtbar in die Länge zu ziehen. Das ist hier nicht der Fall. Doch weil die Geschichte recht einfach ist, kann sich der Film trotz seiner Kürze für alles Zeit lassen. Fast die Hälfte wird auf die Beziehung von Eric und Shelly verwendet: wie sie sich kennenlernen, wie ihre Beziehung funktioniert, wie sie sich auf einer tieferen Ebene verstehen und einander vertrauen. Dazu ist nicht viel Dialog notwendig. Vieles wird durch die Bilder und das Schauspiel klar.
Genauso ist es mit der Mythologie des Films. Auch von ihr erfährt man nie wirklich viel. Es gibt keine Expositionsmonologe, die nur für jene Zuschauer*innen geschrieben sind, die dauernd auf ihr Smartphone blicken, statt den Film zu schauen. Ich finde das sehr angenehm. Mir muss nicht alles erklärt werden. Es sollte nur innerhalb des Films eine Logik geben. Er sollte seiner eigenen Mythologie und Geschichte treu bleiben, was hier meiner Meinung nach der Fall ist. Nichts wirkt erzwungen.
Jedoch muss auch erwähnt werden, dass der immense Fokus auf die Beziehung der Hauptfiguren manchmal etwas gelockert werden könnte. Beispielsweise hätte ich mir etwas mehr emotionale Reaktionen von Eric erhofft, etwa als sein Kumpel erschossen wird. Man lernt quasi niemanden aus seinem Leben kennen, außer diesen einen Menschen. Er muss also wichtig für ihn sein. Doch dessen Tod nimmt Eric einfach hin. Zugegeben, er hat in dem Moment noch andere Probleme, aber etwas mehr wäre schon drin gewesen.
Ansonsten war ich von dem Film sehr angetan. Die Inszenierung ist großartig und strotzt nur so vor imposanten Einstellungen. Dazu kommen ein Sounddesign und ein Soundtrack, die mich die Lautstärke meiner Surround-Anlage immer weiter nach oben drehen ließen. Es hätte lächerlich oder überspitzt wirken können, als sich Eric nach seiner vollständigen Transformation in »The Crow« schwarzes Make-up ins Gesicht schmiert. Für mich hat es allerdings funktioniert und in dem Moment zum Charakter gepasst.
Auch die Actionsequenzen wirkten nicht übertrieben heldenhaft. Das hätte dem Film nicht gutgetan. Eric ist kein trainierter Ex-Soldat oder dergleichen, nehme ich zumindest an. Wir erfahren fast nichts über seine Vergangenheit. Deshalb sind seine Einsätze nicht durchgeplant. Er geht einfach rein und lässt alles über sich ergehen. Es ist brutal und gnadenlos.
Dazu gesellt sich ein Cast, dem man gerne zusieht. Von den beiden Hauptdarsteller*innen Bill Skarsgård und FKA Twigs über Danny Huston als Vincent Roeg und Sami Bouajila als Kronos hin zu Laura Birn als Marian. Wer »The Crow« von 2024, so wie ich, bisher vergessen hat, dem kann ich den Film nur wärmstens empfehlen. Vielleicht wird es nun auch an der Zeit, dass ich mir das Original von 1994 ansehe. Den habe ich bisher nämlich ebenfalls noch nicht gesehen.
