Everything X-Men | Chris Claremont – Die Anfänge (2/3)

Setzen wir unsere Analyse von Chris Claremonts fantastischem X-Men-Run fort. Genauer gesagt: die ersten Jahre von 1975 bis 1978. Das ist »Everything X-Men«, wo ich jede Woche einen alten Text von mir vorstelle. Im dritten Jahr des Blogs stelle ich mein Projektstudium aus dem Medienwissenschaftsstudium vor. Das habe ich damals den X-Men gewidmet. Da ich die ursprünglichen Texte auf Englisch verfasst habe, übersetzte ich sie initial mit DeepL (inkl. der Zitate) und habe sie anschließend natürlich redigiert.


Als Letztes sind erschienen:


Erzählweise und Illustrationen

Wenn man sich die ersten siebzehn Ausgaben von Chris Claremont ansieht, hat man bereits das Gefühl, dass es sich eher um eine fortlaufende Geschichte handelt als bei den vorherigen Autoren. Die Serie von Kirby und Lee erinnerte mich an eine typische Serie von früher, die im Fernsehen lief. Die Erzählweise war sehr episodisch und jede Folge war in sich geschlossen. Jedoch hatte die Reihe von Thomas Adams bereits die Idee einer fortlaufenden Geschichte. Claremont perfektioniert sie. Zunächst bekommen wir kleinere Handlungsstränge, von Urlauben über Abschiede hin zu weiteren kleinen Einblicken. Diese sind jedoch stets miteinander verwoben, greifen ineinander, sodass es sich wie ein großer erzählerischer Akt anfühlt.

Die Geschichte in jeder Ausgabe wirkt natürlich, weil der Erzähler, die Gespräche und die Dinge, die in den Panels selbst gezeigt werden, sich nicht wiederholen. Alles trägt zu einem größeren Gesamtbild bei. Jede dieser Ebenen bietet mehr Informationen. Seien es Gedanken, Kontext oder persönlicher Hintergrund. Es gibt nur sehr wenig, was zweimal gesagt und/oder gezeigt wird. Dies gilt insbesondere für die späteren Ausgaben. Die Erzählung wird verwendet, um Dinge zu beschreiben, die man in einem Bild nicht oder zumindest nicht so gut zeigen kann. Die Kraft des Phönix (wir werden später noch ausführlich darauf eingehen) ist auf vielen verschiedenen Ebenen eine komplexe Angelegenheit. Man muss also die Bilder nutzen, um den Leser*innen eine Vorstellung davon zu vermitteln, was das bedeutet und was die Kraft des Phoenix bewirken kann. Der Text wird schließlich verwendet, um ihr eine Art Metaebene hinzuzufügen. Ich freute mich darauf, die Kraft des Phönix zum ersten Mal in Aktion zu sehen, und hätte nicht gedacht, dass es möglich sein würde, sie so umfassend zu erleben.

Ohne die Wiederholungen durch den Erzähler, durch die Illustrationen und die Figuren passiert in jeder Ausgabe viel mehr als je zuvor. Hier eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Eckpunkte:

Wir beginnen unsere Reise in einer Militärbasis, wo die X-Men auf Count Nefaria und seine Ani-Men treffen (sie haben offenbar bereits in den Ausgaben 22 und 23 gegen sie gekämpft). Zurück in der Villa begegnen sie einem Fabelwesen, das versehentlich von Scott freigelassen wurde. Danach verlassen einige X-Men die Basis, doch ihre Abreise am Flughafen wird von Eric the Red (einem weiteren wiederkehrenden Bösewicht, gegen den sie bereits in den Ausgaben 51 und 52 gekämpft haben) unterbrochen. Die X-Men wollen Weihnachten feiern, doch das einzige Geschenk, das sie bekommen, sind einige Sentinels. Diese greifen die X-Men auf dem Weihnachtsmarkt an. In der 100. Ausgabe erleben wir einen Kampf, den wir nicht erwartet hätten: X-Men gegen X-Men auf einer Raumstation. Während des Wiedereintritts versucht Jean, alle vor dem Tod zu retten. Aber sie stirbt selbst, wird wiedergeboren und entdeckt ihre Phoenix-Kraft. Nach all dem hat das Team doch einen Urlaub verdient, oder? Nun, in Irland (wo natürlich Kobolde leben) treffen sie in Banshees Schloss auf dessen Bruder und Juggernaut. Zu Hause werden Jean, ihre Eltern, ihre neue Mitbewohnerin und der Professor von Firelord angegriffen. Sie werden auf einen anderen Planeten gebracht, kämpfen gegen einen Teil des Shi’ar-Imperiums, treffen die Starjammer, bekämpfen einige Wächter und retten das Universum. Zurück auf der Erde wird Wolverine von seinem ehemaligen Arbeitgeber gejagt, und zu guter Letzt wird durch Warhawk in der »inventory issue« (# 110) eine neue, größere Bedrohung eingeführt.

Die neuen X-Men

„Ich bin ein X-Man, ganz einfach. Das hier ist mein Zuhause, mein Leben. Hier gehöre ich hin.“ – Scott

Zusätzlich zu all diesen großartigen Geschichten erfahren wir viel über unsere neuen Helden. Ihre Leiden, Sorgen, wo sie herkommen und was sie bislang erlebt haben. Wir erleben neue Beziehungen (Banshee und Moira) sowie einige tragische Todesfälle (John Proudstar) und X-Men, die das Team verlassen (Bobby, Lorna, Alex, Sunfire).

Was erzählt uns Chris Claremont über die neuen X-Men, und ist das innerhalb der Geschichte immer konsistent?

  • Nightcrawler: Er spielt immer wieder eine wichtige Rolle in den Geschichten. Besonders interessant ist seine Beziehung zu Scott. Als sie von ihrer Weltraumreise zurückkehren, konfrontiert er Scott und möchte, dass dieser sich öffnet. Scott interpretiert Nightcrawlers ständig gute Laune fälschlicherweise als Zeichen für ein gutes und einfaches Leben. Aber er ist blau, behaart und hat einen Schwanz. Scott scheint diese Merkmale nicht als seltsam oder ungewöhnlich wahrzunehmen. Sie sind Teil von Nightcrawler, so wie das Visier Teil von Scott ist. Als Reaktion auf diese Fehlinterpretation antwortet Kurt sehr schroff, aber bevor sie ein richtiges Gespräch führen können, kommt Banshee in den Raum. Ich bin gespannt, wie sich diese Beziehung in den nächsten Ausgaben entwickelt. In Bezug auf seine Kräfte (z. B. Teleportation) sagt er, dass er seinen Schwung beibehält. Diesen Effekt sehen wir jedoch nicht häufig. Nightcrawler nutzt seine Teleportation zwar regelmäßig, wenn sich das Team in der Villa befindet, aber kaum während der Kämpfe. Das ist etwas, was ich am meisten vermisse. Das erste Mal habe ich diese Figur im zweiten Film gesehen, in der brillanten Kampfszene im Weißen Haus. Wenn er richtig eingesetzt wird, ist Nightcrawler einer der tödlichsten X-Men. Vielleicht lernt er noch dazu. Es gibt auch Hinweise, dass er noch nie zwei Personen gleichzeitig teleportiert hat. Vielleicht ein Setup für später? Wir müssen wohl noch etwas Geduld haben.
  • Ororo: Während eines Kampfes zwischen Colossus und Juggernaut liegt Ororo einfach in einer dunklen Ecke – gelähmt vor Angst (Klaustrophobie). In einer Rückblende sehen wir, wie sie aufgewachsen ist, oder zumindest einige Höhepunkte davon. Ihre Eltern zogen nach Kairo, als sie sechs Monate alt war. Dort wuchs sie wie ein normales Kind auf, aber im Alter von fünf Jahren wurden ihre Eltern getötet. Dies geschah 1956, im Jahr des Suezkriegs. Ein beschädigtes Flugzeug wird getroffen und stürzt vom Himmel, wobei es genau den Bereich trifft, in dem Ororos Familie lebt. Sie überlebt knapp und lebt fortan auf der Straße, bis ein Mann namens Achmed El Gibàr sie aufnimmt. Er zeigt ihr, wie man überlebt. Eines Tages geht sie fort und wandert zur Serengeti-Ebene. Ihrer natürlichen Heimat. Sie lernt, ihre Vergangenheit zu vergessen, aber die Klaustrophobie bringt alles zurück an die Oberfläche.
  • Colossus: Das Tragischste, was wir von ihm erfahren, ist, dass sein Bruder Mikhail, ein russischer Kosmonaut, bei einem Unfall ums Leben kam. Seine Rakete explodierte.
  • Wolverine: Einmal erwähnt er kurz seine vielschichtige Vergangenheit, aber nichts Konkretes. In Ausgabe Nr. 98 nutzt er zum ersten Mal seine Krallen ohne Uniform. Seine Kameraden dachten, sie seien Teil seines Kostüms und nicht Teil von ihm – eine Erinnerung daran, dass man sich als Leser*in und Fan an etwas gewöhnen kann und offen bleiben muss, wenn man so etwas zum ersten Mal liest.

Eine Sache, über die ich nicht sprechen möchte – vor allem, weil ich nicht sicher bin, ob ich alles richtig verstanden habe –, ist die Sache mit dem Shi’ar-Imperium. Der Professor hat Visionen von Prinzessin Lilandra, die von ihrem eigenen Bruder, dem Kaiser, gejagt wird. Sie scheint über ähnliche Kräfte wie der Professor zu verfügen und verbindet sich mit ihm. Die X-Men werden in Ausgabe Nr. 105 in diesen Konflikt hineingezogen. Ich empfehle wärmstens, diese Ausgabe zu lesen. Für mich persönlich ist dies ein Höhepunkt von Claremonts Erzählkunst. Ich mag sie unter anderem wegen ihrer Komplexität. Die Geschichte zeigt, was Comics leisten können – wenn sie richtig gemacht sind.