Spider-Noir

»Spider-Noir« ist eine von Amazon MGM Studios produzierte Serie und erschien Ende Mai 2026. Ungleich zu anderen Serien wie »The Boys« wurden alle acht Episoden der ersten Staffel in einem Aufwasch veröffentlicht. Wir haben unter anderem mit dabei: Nicolas Cage (Ben Reilly / The Spider), Lamorne Morris (Joe „Robbie“ Robertson), Li Jun Li (Cat Hardy), Karen Rodriguez (Janet Ruiz), Brendan Gleeson (Silvermane), Abraham Popoola (Lonnie Lincoln), Jack Huston (Flint Marko / Sandman).

Wo fängt man an, diese Serie zu besprechen? Vielleicht bei der ersten Entscheidung, die man auch auf Prime treffen muss, bevor man sich die erste Folge anschaut: Schwarz-weiß oder Farbe. Die Serie heißt »Spider-Noir«; in den Animationsfilmen rund um Spider-Verse wird der Charakter schwarz-weiß dargestellt und dahingehend parodiert, dass er keine Farben kennt. Insofern war es eine leichte Entscheidung, auf den entsprechenden Button zu drücken. Ich habe nach ein paar Folgen testweise auf Farbe umgestellt, allerdings verliert die Serie dadurch etwas an Charakter. Alle Einstellungen, Kontraste, wie die Szenen gedreht und ausgeleuchtet wurden – alles zielt darauf ab, dass die Serie in Schwarz-Weiß gut aussieht.

Die kreativen Köpfe hinter der Serie beschwören das Image alter Hollywood-Filme herauf. Natürlich sieht es modern aus, in dem Sinne, dass es gestochen scharf ist, CGI-Effekte verwendet werden und so weiter. Allerdings fühlt es sich nach einer glaubhaften Welt an. Praktische Effekte und Stunts fügen sich perfekt mit CGI ineinander und ergeben so ein kohärentes Ganzes. Immer wieder saß ich staunend vor dem Fernseher, da manche Szenen brillant gefilmt sind. Manche Einstellungen könnte man einrahmen und aufhängen. Durch das Schwarz-Weiß und das gekonnte Einfangen der Szenen entsteht eine dichte Atmosphäre. Was die Serie nicht zuletzt auch der Charakterzeichnung verdankt.

Jeder Charakter in der Serie hat etwas zu verlieren, möchte etwas, hat Ängste, Sorgen, eigene Motive und Motivation, Dinge zu tun. Sei es die Sekretärin Janet, die nicht nur ihre Familie mit Essen versorgen möchte, sondern gerne sehen würde, wie Ben zu alter Größe findet. Außerdem kümmert sie sich um einen Jungen von der Straße und lernt mit ihm. Robertson, der gerne eine große (Enthüllungs-)Geschichte für den Bugle schreiben möchte. Cat Hardy, ein wunderbar geschriebener Charakter. Sie ist gefangen in einem goldenen Käfig, aus dem es kein Entkommen gibt. Alles, was sie möchte, wird unterdrückt oder diejenigen Personen, die sie liebt, verschwinden. Ihr wird alles angeschafft, welche Kleidung sie anziehen soll, wie sie sich äußern darf und was sie im Club singen soll. All diese Charaktere und mehr verleihen der Serie einen Tiefgang, den ich so nicht erwartet hätte. Doch einer hat mich wohl am meisten überrascht: Nicolas Cage.

Ich war etwas skeptisch, als ich gehört habe, er soll nun nicht nur den Charakter Ben Reilly, a. k. a. The Spider, sprechen, sondern ihn in einer Live-Action-Serie verkörpern. Doch ich habe Nicolas Cage mal wieder unterschätzt. Er ist ein hervorragender Schauspieler und passt wunderbar zu dem Charakter. Ben Reilly ist ihm quasi auf den Leib geschrieben. Von der Art, wie er spricht, hin zu den physischen Ticks, wenn man sie so nennen möchte. Diese kommen besonders in der zweiten Hälfte der ersten Staffel zur Geltung. Wir erfahren mehr über die Ursprünge von Ben Reillys Kräften und wo sie herkommen. Plötzlich entwickelt sich die Serie zu einem Body-Horror-Streifen. Man weiß plötzlich gar nicht mehr: Ist Ben Reilly ein Mensch mit spinnenähnlichen Kräften oder eine Spinne, die sich als Mensch ausgibt? Nicolas Cage ist ein unfassbar physischer Schauspieler, und dieses Talent darf er hier voll ausreizen. Bei jemand anderem hätte es vielleicht ins Lächerliche gehen können, doch dank Cage und der Inszenierung der Szenen wirkt es beängstigend, verstörend und man fühlt mit dem Charakter.

Die acht Folgen sind perfekt gewählt. Weder zu lang noch zu kurz. Die Geschichte kann sich weit genug entfalten und mit ein paar schönen Twists aufwarten. Auch die Länge der einzelnen Folgen passt sich an die klassische Serienlänge von 42 Minuten an. Man darf natürlich keine klassische Marvel-Serie erwarten. Hier folgt nicht eine Action-Sequenz der nächsten, auch wenn diese nicht zu kurz kommt. Aber auch diese Sequenzen sind anders, als man es vielleicht erwarten würde – langsamer, bodenständiger, brutaler. Es stehen klar die Charaktere im Vordergrund.

Unfassbar, dass »Spider-Noir« eine so gute Serie geworden ist, wenn man sich ansieht, was Sony sonst so mit der Marke »Spider-Man« anstellt. Jedoch: Zwischen den neuesten Animationsfilmen und dieser Serie haben sie etwas Wunderbares geschaffen. Ich bin gespannt, ob es eine zweite Staffel geben wird oder welcher Charakter als Nächstes ins Zentrum gestellt wird. Erst einmal erfreue ich mich allerdings der Existenz dieser Serie. »Spider-Noir« sollte man sich nicht entgehen lassen.