Invincible | S01E01 – It’s About Time

Geschrieben von Robert Kirkman. Gezeichnet von Cory Walker und ab Ausgabe Nummer 8 von Ryan Ottley. Letterer war Russ Wooton und Colorist Bill Crabtree. Diese Personen zeichnen für einen meiner absoluten Lieblingscomics verantwortlich. Es ist ein Superheldencomic, aber anders. Brutaler, Konsequenzen bedeuten hier etwas und man muss keinen Abschluss in Amerikanistik und Literatur haben, um herauszufinden, in welcher Reihenfolge man »Invincible« am besten liest. Zwar gibt es Spin-offs, aber man kann sich auch nur auf die Hauptreihe konzentrieren. Der Gipfel meiner Verehrung für Invincible war das Schreiben meiner Bachelorarbeit, in der ich mich mit der Reihe auseinandergesetzt habe.

Seit ein paar Jahren bringt Amazon »Invincible« als Animationsserie heraus, die mittlerweile schon vier Staffeln und ein Special umfasst. Höchste Zeit also, einen Blick reinzuwerfen. Zwar habe ich beim Erscheinen der ersten Staffel die ersten drei Folgen angeschaut, aber aus irgendeinem Grund nie weitergemacht. Das soll sich dieses Jahr ändern. Den Comic werde ich parallel zwar nicht lesen, aber ich habe Invincible über die Jahre so oft gelesen und, wie zuvor erwähnt, etwa das erste Drittel für meine Bachelorarbeit analysiert. Ich traue mir zu, aus dem Gedächtnis diverse Vergleiche zu ziehen. Fangen wir also an mit »It’s About Time«.

Noch ein kurzes Wort zu den Texten, bevor wir wirklich einsteigen: Diese Reihe soll keine Nacherzählung der Geschichte werden. Man kann die Serie anschauen, den Comic lesen – man hat selbst Möglichkeiten, die Geschichte zu erleben, und ich empfehle tunlichst, eine der beiden Varianten zu wählen. Das hier sind quasi Serientagebücher. Ich halte Gedanken fest, Theorien, Vergleiche mit dem Comic – ich will einfach Spaß mit dieser Serie haben.

Der Einstieg in die Serie ist überraschend. Im Comic beginnen wir, soweit ich mich erinnern kann, direkt mit Mark, der seine Kräfte erhält. Natürlich sitzt er erst mal am Klo und liest Comics, während ihn seine Mutter stört. Diese Szene kommt auch in der Serie vor – die natürlich ebenfalls von Robert Kirkman geschrieben wurde. Es ist fast schon ikonisch und für Fans wahrscheinlich irritierend, wenn es nicht das Erste ist, was man sieht. Der Einstieg gefällt mir trotzdem gut. Wir sehen zwei Wachen vor dem Weißen Haus, die ein überraschend persönliches Gespräch führen. Schließlich greifen die Mauler Twins an, ebenfalls ikonische Gegenspieler von Mark, die bereits hier ihre typischen Quereleien anfangen, wer denn nun der Klon ist und wer das Original. Und schließlich der Auftritt der Justice League – sorry, der Guardians of the Globe.

Wie bereits im Comic werden sie groß eingeführt. Sie sind die ersten Heldinnen und Helden, die wir zu Gesicht bekommen. Omni-Man ist zwar auch da, aber eher im Hintergrund. Ich war etwas überrascht, dass bereits am Ende die markante Enthüllung passiert, aber es passt zur Struktur der Comics. Twists gibt es immer wieder und wenn man denkt, es verstanden zu haben, zaubert Kirkman etwas aus seinem kreativen Kopf hervor. Großartig. Und natürlich äußerst brutal. Die erste Folge ist eigentlich recht harmlos, was Gewalt anbelangt, eskaliert am Ende dafür umso mehr. Ich freue mich gar nicht auf das, was uns noch erwartet. Es wird schmerzhaft werden – physisch wie emotional. Aber auch das zeichnet Invincible aus. Kirkmans Talent liegt in der Balance, die er bei Invincible stets gefunden hat.

Worauf ich mich sehr freue und was man bereits in der ersten Folge sehen kann: Kirkman holt den Comic in die Moderne. William darf offen schwul sein und nicht auf die stereotypische Art. Die Mutter Debbie ist schon jetzt ein eigenständigerer Charakter, als sie es im Comic je war. Sie widerspricht Nolan und legt sich mit Mark an. Die Szene zwischen ihr und Mark, in der sich Mark so toll und kräftig fühlt, dass er sogar seine Mutter verbal angreift, ist großartig gemacht. In kürzester Zeit entwaffnet sie Mark und stands her ground, wie man so schön sagt.

Mir hat die erste Folge gut gefallen und die lange Laufzeit ist notwendig, damit sich die Geschichte entfalten kann. Immerhin hat jede Staffel nur acht Folgen und muss somit sehr viel abdecken, je nachdem, wie lange die Serie laufen soll. Wir bekommen auch schon die erste Variante der Originstory geliefert. In den Comics werden die unterschiedlichen Varianten, die sich immer weiter der Wahrheit annähern, stets mit demselben einseitigen Shot von Nolan eingeleitet. Ein tolles, gut gemachtes, wiederkehrendes Motiv, das auch die Entwicklung von Ottley als Künstler darstellt. Wenn man die ersten Zeichnungen mit den letzten vergleicht, ist es erstaunlich, wie sehr er sich entwickelt und verändert hat. Und man erkennt den späteren Ottley in der Serie wieder. Sie hat denselben Stil, dasselbe Feeling und Atmosphäre. Es ist eine eigene Magie, die mir hervorragend gefällt.

Am Ende bekommt Mark auch seinen ersten Superheldenanzug von Art Rosenbaum. Und es ist tatsächlich ein ikonischer Look. So beginnt also Marks Weg als Invincible. Nun kommt der schwierige Teil und ein Weg, der viele Herausforderungen bereithält.