Promising Young Woman

Aus Gründen der Recherche lese ich gerade „Schau mir in die Augen, Kleines“ von Oliver Schütte. Ein Buch über das Schreiben von Dialogen. Darin gibt es unzählige Beispiele aus Filmen, die herangezogen werden. Also warum nicht die Filme anschauen, die Schütte in seinem Buch beschreibt und selbst sehen, ob diese wirklich so gut sind. Vor allem finde ich spannend zu entdecken, wo diese Dialogfetzen im eigentlichen Film vorkommen. Denn es sind immer nur sehr punktuelle Ausschnitte, die er im Buch vorstellt. Kurze Dialoge, die man beim einfachen Betrachten des Films vielleicht gar nicht so beachten würde. Tja, stellt sich heraus: nö, sind schon ziemlich geile Filme. Und den Anfang macht „Promising Young Woman“.

Regisseurin und Drehbuchautorin ist Emerald Fennell, produziert wurde der Film unter anderem von Margot Robbie. Der Cast besteht unter anderem aus: Carey Mulligan als Cassie, Bo Burnham als Ryan, Clancy Brown als Stanley, Jennifer Coolidge als Susan, Laverne Cox als Gail und Chris Lowell als Al Monroe. Der Film erschien 2020 und erhielt einen Oscar für das beste Originaldrehbuch.

Der Film tut auf vielen Ebenen weh und wirkt heute noch aktueller als vor sechs Jahren. Sexismus, sexueller Missbrauch, die Art und Weise, wie Männer mit Frauen umgehen, sich nicht ihres abscheulichen Verhaltens bewusst sind und sogar manche Frauen versuchen, den Opfern die Schuld zuzuschieben – der Film tut auf so vielen Ebenen weh. Dabei sieht man nie wirklich etwas Explizites. Cassie, unsere Protagonistin, hält den Männern einen Spiegel vors Gesicht. Ich wünschte, es wäre so einfach, Einstellungen und Verhaltensweisen zu ändern. Aber das versucht „Promising Young Woman“ gar nicht darzustellen, sondern dreht den Spieß lediglich um. Das Verhalten von Männern, welches so stattfindet, das hat nicht nur #MeToo gezeigt, ist schlicht ekelhaft. Der Film hält lediglich die Kamera auf solche Situationen.

Mit Genuss sieht man Carey Mulligans Charakter dabei zu, wie sie sich an den einzelnen Personen rächt. Und wie sie manchmal sogar überrascht ist, dass es doch noch so etwas wie Reue gibt, die manche empfinden. Leider zerstört sich ihre Figur dabei selbst. Ihr komplettes Leben ist darauf ausgerichtet, sich zu rächen, ihre Freundin zu rächen und ihrem Tod dadurch etwas Sinn zu verleihen. Und dann kommt auch noch Ryan um die Ecke. Ein kurzer Sonnenstrahl trifft auf ihre Seele, der ihr aber wenig später wieder brutal herausgerissen wird. Mit dem Ende hatte ich nicht gerechnet und doch passt es zu dem Film. Aber wie sind denn nun die Dialoge?

Naja, das Drehbuch hat einen Oscar bekommen, von daher können sie so schlecht nicht sein. Es ist unglaublich, wie sehr man in jede Szene hineingezogen wird. Die Schauspieler*innen sind auf einem äußerst hohen Niveau unterwegs und es macht Spaß, diesen Film unter einem eher analytischen Blickwinkel zu betrachten. Vor allem, wenn die Szenen, die ich aus dem eingangs erwähnten Buch wiedererkenne, weitergehen. Plötzlich wird eine äußerst spannende Situation lustiger, eine andere verschärft sich. Und all das fußt darauf, dass man der Protagonistin eigentlich alles zutraut. Nervös wartet man, wie weit sie beim nächsten Mal geht oder wie weit sie es bereits getrieben hat. Denn nicht immer kennt man den Ausgang einer Situation. Großartig gemacht. Schade, dass es sechs Jahre gedauert hat, bis ich den Film angeschaut habe.