Religiöse Experimente

Ich beschäftige mich nebenbei immer wieder mit einer Geschichtsidee. Das erste Brainstorming war ergiebig, die Charaktere und Handlung stehen ebenfalls halbwegs fest. Trotzdem kommen mir immer mal wieder Ideen, die ich interessant finde und die Charaktere noch etwas menschlicher machen. Deshalb mag ich es mir Zeit damit zu lassen. Ideen sollen reifen, man weiß nie, was einem nach einer Woche oder einem Monat noch so einfällt. Demnächst möchte ich allerdings auch mal anfangen, Dialoge schreiben zu üben – aber das ist ein Thema für ein anderes Mal.

Die konkrete Idee, die mir letztens kam, war, dass ich einen der beiden Hauptcharaktere gläubig machen könnte. Religion ist eine Welt, von der ich mich vor langer Zeit verabschiedet habe. Ich bezeichne mich selbst als Atheist, wenn man schon ein Label auf etwas kleben muss, glaube also nicht an einen Gott. Trotzdem kann man nicht aus seiner Haut und ich bin schließlich in einem christlich geprägten Land aufgewachsen. Außerdem beschäftige ich mich gerne mit der Geschichte Salzburgs, gehe in Kirchen und bewundere die Bauwerke und Kunst. Warum also nicht für einen Charakter einen Schritt weitergehen und mich mit dem Konzept Religion an sich beschäftigen? Was bedeutet es, zu glauben, und wie kann ich das umsetzen? Mit dem Denken dahinter, also der grundsätzlichen Einstellung, habe ich mich noch nie wirklich beschäftigt. Kann ich dem am Ende vielleicht doch etwas abgewinnen?

Spoiler: nein. Trotzdem mag ich es, die eigenen Einstellungen, Meinungen und manchmal festgefahrenen Bekenntnisse, die man über sich selbst hat, zu hinterfragen. Ich habe mir ein paar Texte und Blogs gespeichert, die ich mir genauer ansehen möchte. Doch mein erster Ansatz war, mir die Bibel-App herunterzuladen. Darin gibt es einen 50-tägigen Lesekurs, oder wie sie das auch immer bezeichnen. Jeder Tag besteht aus einer Andacht und einer Bibelstelle, die es zu lesen gilt. Das habe ich eine Woche lang gemacht. Erst wirkte es sehr befremdlich, aber irgendwie auch sympathisch. Der letzte Tag war dann der, an dem ich zu einer Abendmesse in die Imbergkirche in Salzburg ging. Diese findet jeden Freitag um 18:30 Uhr statt. Die letzte Messe, die ich besucht hatte, war vergangenes Weihnachten am ersten Feiertag im Dom.

Eine „normale“ Messe zu besuchen, fand ich allerdings ebenso interessant. Der Priester, der die Messe hielt, hat in seiner Predigt ein paar moderne Einschläge gehabt, wenn man es so bezeichnen möchte. Ich höre mir das gerne an. Vielleicht regt es zum Nachdenken an, vielleicht auch nicht. Aber allein schon deshalb diese Messe zu besuchen, um zur Ruhe zu kommen, fand ich faszinierend. Man kennt die Rituale, die so eine Messe ausmachen, und kann sich, was die Reihenfolge anbelangt, immer an den anderen orientieren. Wir waren immerhin zu neunt in der kleinen Kirche. Das hat auf jeden Fall etwas an sich, dieses Runterkommen, die Ruhe und die Gemeinschaft. Ich kann zwar immer noch nichts mit dem Konzept „Glaube“ an sich anfangen, aber dieses kleine Experiment hat mir die eine oder andere Einsicht geliefert.