Nach Yasmina Rezas „Kunst“ stand Jean-Paul Sartre auf der Liste, und zwar mit seinem dritten Bühnenstück: Geschlossene Gesellschaft. In „Kunst“, zumindest in der Ausgabe, die ich habe, wird man einfach reingeworfen. Natürlich gibt es den bei Theaterstücken typischen kurzen Abriss zum Einstieg, aber dann geht es auch gleich los. Ich schreibe „typisch“, als hätte ich schon zig Stücke gelesen und wäre quasi ein Kenner des Genres (stellt euch vor, wie ich mir gerade einen viel zu langen Schal um den Hals werfe und dabei furchtbar elegant aussehe). Jedenfalls ist „Geschlossene Gesellschaft“ anders.
Die Herausgeber von rororo wollten sichergehen, dass ihre dummen Leser auch wirklich verstehen, worum es geht. Deshalb hat man nicht nur eine kurze Einleitung, die erklärt, was sich auf den folgenden Seiten abspielt. Nein, wir haben auch ein Nachwort von Sartre selbst, der uns darlegt, wie er sein Stück gemeint hat. Mit dem Nachwort an sich habe ich kein Problem. Ich mag es, die Perspektive des Autors, der Autorin zu bekommen und ihre Intention mit meinem Eindruck zu vergleichen. Aber gleich zweimal eine Einordnung für das Stück ist etwas viel.
„Geschlossene Gesellschaft“ ist ein bitterböses Stück, das unfassbar viel Spaß macht. Ich habe es, wie „Kunst“ in einem Rutsch durchgelesen. Auch deshalb freunde ich mich immer mehr mit Theaterstücken an, da man sie vergleichsweise schnell lesen kann. Wie eine Show an sich eben auch: ein netter Abend oder Nachmittag, ohne zu viel Zeit dafür aufwenden zu müssen. Und im Falle von „Geschlossene Gesellschaft“ bekommt man pointierten Dialog, drei Menschen in der Hölle und ein Fazit, das man scheinbar sehr falsch deuten kann.
Sartre selbst beschreibt das Hotelzimmer als Hölle und so wird es auch im Stück immer wieder bezeichnet. Und genauso fühlt es sich an. Ein paar Möbel stehen herum, Menschen, die man noch nie gesehen hat, finden sich ein und manchmal taucht ein Kellner auf, ist aber für die meiste Zeit weg. Das alles für immer. Auf ewig. Keine Bücher, kein Fernseher, keine Fenster, kein Schlaf, kein Alkohol, kein Essen – nichts. Es ist abartig, wie sehr mir dieser Gedanke missfällt und mich nervös macht. Das wäre meine Folter. Keine Stimulationen jedweder Art. Furchtbar. Und dann auch noch mit Menschen im Raum, die sich darüber definieren, wie andere sie sehen. Zwei Frauen und ein Mann ist außerdem eine Konstellation, die für so eine Art Stück perfekt funktioniert.
Die erste möchte sich gleich hübsch schminken und gut aussehen. Obwohl es keine Spiegel gibt und nur die anderen beiden Personen anwesend sind. Wir erfahren auch nie wirklich, ob ihr die „Maskerade“ gelungen ist oder sie eher aussieht wie ein Clown. Nach und nach offenbaren die Figuren uns, warum sie in der Hölle sind und was sie getan haben. Eine schreckliche, tragische, furchtbare Geschichte jagt die nächste. Dazwischen gibt es verführerische Versuche, die natürlich scheitern müssen, Abmachungen, an die sich niemand hält, und Sichtweisen, die einem die Nackenhaare aufstellen.
Ich habe zugegebenermaßen etwas gebraucht, bis ich in die Geschichte reingekommen bin. Das hat allerdings vor allem mit den anfänglichen Beschreibungen zu tun. Wer weiß schon, was ein „Salon im Second-Empire-Stil“ ist oder ein „Louis-Philippe-Esszimmer“. Manchmal sind mir die Frauenfiguren zu ähnlich geschrieben. Das kann allerdings daran gelegen haben, dass ich das Stück vergleichsweise schnell gelesen habe. Trotzdem hat es große Freude bereitet, sich mit diesen Personen ins Hotelzimmer der Hölle zu begeben. Vor allem das Fazit, wenn man es so benennen möchte, geht einem unter die Haut: „Die Hölle, das sind die andern“.
Genau diesen Punkt führt Sartre im Nachwort noch einmal deutlich aus. Ich denke aber schon, dass aus dem Stück hervorgeht, dass nicht die Menschheit im Allgemeinen gemeint ist. Vielmehr sind es die Bestätigungen, die wir suchen. Die Meinungen, die wir uns einholen. Die Erlaubnis, die wir uns einbilden zu benötigen. Uns frei zu machen von all dem ist wohl eines der schwierigsten Unterfangen, dem wir uns als Menschen unterziehen können. Das zu machen, was wir wollen, weil es uns Freude bereitet und nicht, weil es andere von uns erwarten.
Im Gegensatz zu „Kunst“ mag ich an „Geschlossene Gesellschaft“, dass es dauerhaft in einem Raum stattfindet und alle drei Hauptcharaktere stets auf der Bühne sind. Versteht mich nicht falsch. Bei „Kunst“ hätte das nicht funktioniert und es ist großartig, wie es ist. Mir gefällt aber genauso die Idee, Charaktere irgendwo einzusperren und zu schauen, was passiert. Schade ist nur, dass ich nun das Bedürfnis habe, die Stücke, die ich lese, auch anzuschauen. Mal sehen, ob in Salzburg oder Umgebung, mal irgendwo Reza, Sartre und die anderen, die noch auf meiner Liste stehen, aufgeführt werden. Die Chancen sind sicherlich nicht schlecht. Und lesen werde ich sie ohnehin mehrfach. Dafür sind die Dialoge einfach zu gut geschrieben. Es ist ein purer Genuss.
