Wenn es nicht so lustig wäre, müsste man eigentlich weinen. Aber es hat schon etwas Unterhaltsames an sich, wenn erwachsene Menschen aufgrund bedruckten Papiers sämtliche gesellschaftlichen und sozialen Errungenschaften der letzten Jahrtausende vergessen und sich wie Barbaren um Pokémonkarten prügeln. Ellenbogen machen Bekanntschaft mit Gesichtern, Kisten werden geschnappt, als sei man der oder die Einzige, für die das Produkt produziert worden wäre, und nicht zu vergessen die Unsummen, die dafür auf den Tisch gelegt werden. Und was passiert dann mit den ergatterten Schachteln? Sie werden fein säuberlich in Plastikkisten gelagert, in der Hoffnung, sie in ein paar Monaten oder gar Jahren mit Gewinn verkaufen zu können. Es ist absurd.
Ich kann verstehen, wenn einzelne Karten hohe Preise erzielen. Oft handelt es sich um alte und seltene Karten. Man verbindet vielleicht etwas aus der Kindheit damit und sieht es nicht nur als nostalgisches Geldausgeben, sondern als Investition. Die ist es auch, wenn man den Markt verfolgt und halbwegs gut bewerten kann. Alte, seltene Karten verlieren meist nicht an Wert und wenn, dann steigen sie später wieder. Bei neueren Karten ist das schwieriger zu beurteilen, aber auch noch nachvollziehbar. Was ich allerdings nicht verstehe, ist, dass man sich kistenweise Booster-Boxen auf Lager legt. Das geht für mich an der Idee des Kartensammelns vorbei. Es pervertiert ein ansonsten schönes Hobby.
Es hat in den 90ern angefangen. Pokémon wurde beliebt, Yu-Gi-Oh zog nach und Magic: The Gathering gibt es gefühlt ohnehin seit Jahr und Tag. Nun sind wir, die damit aufgewachsen sind, erwachsen geworden und haben „disposable income“, wie es im Englischen so schön heißt. Wir arbeiten, haben am Ende des Monats vielleicht etwas Geld übrig und geben es mit Freude für Spielsachen aus, die wir früher nicht hatten, nicht haben durften oder schon immer wollten. Und es ist ein tolles Hobby. So wie Warhammer ein tolles Hobby ist. Figuren zusammenzubauen und zu bemalen, hat etwas Befriedigendes. Ganz davon abgesehen, dass es keinen Bildschirm erfordert, entschleunigt (ein weiteres dieser Wörter, die ich eigentlich nicht mag) und es erlaubt, kreativ zu sein. Sammelkarten sind kreativ auf eine andere Art und Weise. Man erschafft nicht per se etwas, aber man setzt sich mit Kunst auseinander. Wie soll die eigene Sammlung aussehen? Welche Artworks gefallen mir besonders gut?
Doch auf dem Weg ins Heute ist der grundsätzliche Gedanke verloren gegangen. Booster-Displays beim Erscheinen eines neuen Sets zum UVP zu kaufen, ist, zumindest hier in Mitteleuropa, fast unmöglich geworden. Besonders der aktuelle Pokémon-Hype macht es teils zu einem teuren Hobby. Ich möchte mich nicht in den Sumpf der Negativität hineinziehen lassen, auch wenn ich mich sehr darüber aufregen könnte, wie manche Kisten und Boxen mit ungeöffneten Schachteln füllen, als wären es Goldbarren. Wieso soll ich mir einen Booster aus den 90ern für eine fünfstellige Summe kaufen, wenn ich den nie öffnen kann? Die Karten darin können nicht so wertvoll sein, dass sich das in irgendeinem Universum lohnen würde. Wie zuvor erwähnt: Einzelkarten verstehe ich, aber alles andere geht für mich am Grundgedanken vorbei. Außerdem sollte das Hobby doch zentral für Kinder sein. Wir Erwachsenen, die damit zum ersten Mal aufgewachsen sind, halten uns genau deshalb für etwas Wichtigeres und mussten es für andere ruinieren.
So schlimm ist es zwar nicht, aber mein grundlegendes Argument bleibt dasselbe. Das Schwierige ist, sich nicht vom Hype anstecken zu lassen. Lieber ein Set aussitzen und abwarten. Im Zweifel wird es nur günstiger. Es gilt, bei Boostern immer den Durchschnittspreis im Auge zu behalten. Wenn dieser einen gewissen Schwellenwert überschreitet, die Finger davon lassen. Oder auf japanische oder englische Karten ausweichen, solange der Preis stimmt. Vielleicht sogar koreanische oder chinesische Versionen in Betracht ziehen. Warum nicht experimentieren? Es sollte immerhin das Sammeln im Vordergrund stehen. Alles andere ist ein netter Bonus.

