Smartwatch und Generalisierung

Letztens war im Standard ein Text zu lesen, in dem sich der Autor über Smartwatches beschwerte. Die Argumentation lautete in etwa so: Smartwatches sind schlecht, weil alles zu einem Score wird. Schlaf, Fitness, Stresslevel. Alles wird in bunte Graphen geworfen, ausgewertet und in hübsche Zahlen verpackt. Ob das allerdings immer etwas mit der Realität zu tun hat, ist fraglich. Es gibt Studien zu dem Thema, die zeigen, dass es teilweise kaum Übereinstimmung zwischen dem angezeigten Stresslevel einer Watch und dem tatsächlichen Empfinden gibt. Außerdem kann es belastend sein, wenn alles messbar gemacht wird. Dinge, die eigentlich entspannen sollten, werden dadurch schnell zum Leistungssport. Alles muss effizienter, besser und schneller werden.

Ich halte aber die generelle Verteufelung für ebenso falsch wie eine unkritische Lobhudelei. Wo es mit der Kritik grenzwertig wird, sind die Notruffunktionen und sonstigen Gesundheitschecks, die beispielsweise in eine Apple Watch eingebaut sind. Im Podcast Bitsundso stellen die Beteiligten immer wieder fest, dass sich Apple um Accessibility-Funktionen, Notrufe und ähnliche Dinge nicht kümmern müsste. Sie tun es aber trotzdem. Immer wieder werden dort Videos besprochen, die authentisch zeigen, wie Leben gerettet wurden, weil Menschen eine Apple Watch getragen haben. Natürlich steckt auch Marketing dahinter und man weiß nie, wie es ohne Uhr ausgegangen wäre. Aber diesen Menschen absprechen zu wollen, dass ihnen eine Smartwatch geholfen oder sogar das Leben gerettet hat, finde ich schon wild. Aber das nur am Rande.

Es ist tatsächlich ein Problem, dass Smartwatches Aufmerksamkeit verlangen. Manche Menschen haben sie fast genauso oft im Blick wie ihr eigentliches Smartphone. Aber das liegt nicht automatisch am Gerät selbst, sondern daran, wie man es nutzt. Ich sehe immer wieder Menschen, die schlicht nicht mit ihren Geräten umgehen können. Sie schnallen sich eine Smartwatch ans Handgelenk, schalten sie ein und das war’s. Es wird nichts konfiguriert, nichts angepasst, nichts hinterfragt. Die Menschen entdecken Technik und lassen sich dann unkontrolliert von ihr anschreien.

Ich habe die Mitteilungen, die ich von meiner Apple Watch bekomme, auf ein Minimum reduziert. Vor allem jene, die Sport betreffen. Diese Mitteilungen werden alle stumm zugestellt. Das heißt: Ich muss aktiv nachsehen, wenn ich wissen will, ob ich irgendwelche Ziele erreicht habe. Das stündliche Aufstehen und sonstige Motivationsmitteilungen habe ich von vornherein deaktiviert.

Gleiches gilt für Apps. Nur die wenigsten dürfen mich über die Smartwatch belästigen. Messenger sind die Ausnahme, weil ich diese Mitteilungen tatsächlich gleich sehen möchte. Aber wenn man manche Menschen ein wenig beobachtet, merkt man schnell, dass sie ständig irgendwelche Benachrichtigungen bekommen. LinkedIn, Wetter, News, Likes, Mails, Termine und was weiß ich noch alles. Alles meldet sich, alles fordert Aufmerksamkeit, alles piepst, tippt oder leuchtet. Natürlich stresst das. Das ist allerdings nicht automatisch der Fehler des Geräts, sondern auch der Tatsache geschuldet, dass viele Menschen sich nicht mit den Geräten auseinandersetzen, die sie sich für mehrere hundert Euro kaufen.

Und nur weil mich die Smartwatch einmal antippt, weil gerade jemand geschrieben hat, ich aber mit jemandem unterwegs bin oder am Tisch sitze, heißt das nicht, dass ich sofort nachsehen muss. Man kann manche Dinge auch einfach ignorieren. Eine fast revolutionäre Erkenntnis, ich weiß. Ich schalte meistens sogar den Bildschirm der Apple Watch in den Kinomodus, weil er dann schwarz bleibt und nicht sinnlos in der Gegend herumleuchtet, nur weil ich mein Handgelenk bewege.

Smartwatches bieten, wie auch Sportuhren und andere Tracker, viele Möglichkeiten. Man muss aber nicht jede davon nutzen. Nachts beim Schlafen lege ich sie ohnehin ab und manchmal lasse ich sie auch zu Hause, wenn ich unterwegs bin.

Es ist der verantwortungsvolle Umgang, den man predigen sollte. Man sollte den Leuten zeigen, wie sie Mitteilungen deaktivieren oder zumindest sinnvoll anpassen können. Genau so etwas würde ich mir eigentlich vom Standard erwarten. Immerhin bietet die Webseite Kategorien wie »Besser leben« oder Smart-Artikel an. Sich nur zu beschweren und zu jammern, hat mit einem besseren Leben wenig zu tun. Den Menschen zu zeigen, wie sie Technik besser nutzen können, hingegen schon.

Mein Tipp: Kurz googeln, wie man auf der eigenen Smartwatch Mitteilungen einstellen kann. Das geht meist sogar einfacher über das gekoppelte Smartphone. Man findet genug Videos und Artikel dazu. Es dauert auch nicht lange, weil man die meisten Dinge getrost von Haus aus deaktivieren kann. Eine halbe Stunde reicht meistens schon, um selbst wieder die Kontrolle zu übernehmen und sich nicht von jeder App vorschreiben zu lassen, wann man am Handgelenk belästigt wird. So schwer ist es wirklich nicht.