Die Täuschung

Erst wollte ich eigentlich gar nicht mehr darüber schreiben, aber es beschäftigt mich doch. Vielleicht hat es mit seinen drastischen Mitteln genau das erreicht, was es wollte. Immerhin denke ich weiterhin darüber nach. Es ist schon die ein oder andere Woche seither vergangen und trotzdem überlege ich, ob ich nicht doch weitermachen möchte. Die Rede ist natürlich von »GTA V«. In meinem Text »13 Jahre gereift« habe ich das Spiel noch gelobt und mich gewundert, warum es so lange gedauert hat, bis ich endlich damit angefangen habe. Wie so oft habe ich den Text allerdings etwas zu früh geschrieben.

Nach nicht ganz zehn Stunden war ich voll im Spiel drin. Die Charaktere Michael und Franklin waren äußerst cool gemacht und ihre jeweiligen Geschichten nachvollziehbar. Michael hatte im Intro schon eine kleine Charakterentwicklung durchgemacht und bei Franklin zeichnete sich Ähnliches ab. Ich mochte die Dialoge, die Nebencharaktere und das Setting. Bei guter Musik durch Los Santos zu cruisen, brachte mir ein Spielgefühl, das ich schon lange nicht mehr hatte. Dann kam der dritte spielbare Charakter zum Vorschein: Trevor.

Von Anfang an ist Trevor der schrägste, ungehaltenste und direkteste der Bande. Er macht, was er will. Am liebsten gewalttätig. Er unterdrückt alle um ihn herum. Sein bester Freund ist ein Teddybär, über den wir nicht weiter sprechen. Trotzdem ist auch Trevor ein gut geschriebener Charakter, der nicht nur eine eindimensionale Schablone ist. Seine Partner und Freunde sind ihm wichtig. Während einer Mission macht man beispielsweise Fotos von der Stadt und schickt sie weiter. Während einer Flugzeugmission erfährt man mehr über seinen Werdegang. Es ist wahnsinnig gut gemacht. Aber bereits hier waren mir manche Eskalationen zu viel. Zu sehr over the top. Denn Trevors Verhalten ist derart extrem und anders, dass ich auch die anderen beiden Charaktere anders spiele. Und dann kam die Mission, die mich von »GTA V« wegtrieb.

Man arbeitet mit allen drei Charakteren und verbündet sich kurzzeitig mit einer Behörde. Wie es so ist, brauchen wir Informationen, um einen Informanten, Agenten oder was auch immer auszuschalten. Ist nicht so wichtig. Jedenfalls muss man denjenigen, der die Information über den Aufenthalt von Person X hat, foltern. Anders kommt man nicht weiter. Selbst wenn das Opfer mehrfach betont, die Informationen zu geben, muss man weitermachen. So suche ich als Trevor das nächste Folterwerkzeug aus und bin damit direkt dafür verantwortlich. Man bekommt es nicht nur passiv mit. Es wird auch nie weggeschnitten. Die Kamera bleibt dran, egal was passiert. Ich möchte das nicht. Spiele sind für mich Eskapismus. Da brauche ich keine Moralkeule, die mir direkt ins Gesicht geschlagen wird.

Mir ist durchaus bewusst, dass »GTA V« genau zu einer Zeit erschienen ist, in der dieses Thema noch groß war. In der jeder Kreative meinte, sich damit auseinandersetzen zu müssen. Sei es in Filmen, Serien oder eben Spielen. Es hat mich komplett aus dem Spiel genommen, war unnötig und ehrlich gesagt auch schlecht geschrieben. Das Verhalten von Michael verstand ich dabei ebenso wenig. Für mich kam diese Mission sehr plötzlich und alles ist furchtbar schnell eskaliert. Das erste Aufeinandertreffen der drei Hauptcharaktere war cool und hatte eine gewisse Epik. Danach ging es jedoch, für mich, ziemlich schnell bergab.

Hinzu kam, dass ich bei einer Mission danach, die ich mit Franklin machte, nicht wusste, wie ich weiterkam. Ziel war es, jemanden auszuschalten, aber egal, was ich gemacht habe, das Spiel sagte: »Nein, du machst das falsch. Fang von vorn an.« Wenn es normal und gechillt weitergegangen wäre, würde ich »GTA V« wohl zu Ende spielen. Aber mit der erzwungenen Moralkeule und einem fragwürdigen Missionsdesign lege ich es sehr gerne beiseite. Es ist wirklich nicht gut gealtert. Kann sein, dass es ab jetzt besser wird und zum besten Spiel des vergangenen Jahrzehnts. Aber mir ist es egal.