Die Schuld der Anderen

YouTube hat mir letztens ein spannendes Video vorgeschlagen. Es ging um eine Diskussionsrunde mit dem Titel »Surrounded«. Das Konzept dieser Diskussionsrunde ist es, dass sich zwei Parteien gegenüberstehen. Nur: Diejenige Partei, die die Thesen zum Thema in den Raum stellt, sieht sich 20 Personen mit gegensätzlicher Meinung gegenüber und dann wird diskutiert. Die 20 Personen sitzen im Kreis um die eine Person mit den Thesen und stellen sich nacheinander der Diskussion. Es gibt dann noch das Konzept, dass die Person, die gerade in der Mitte sitzt, raufgevotet werden kann und dergleichen, aber das sind Details.

Wenn man das Konzept auf YouTube googelt, bekommt man einige Vorschläge, die man sich alle eigentlich nicht ansehen möchte. Vor allem, nachdem ich mir diese spezielle Konfrontation ansah, habe ich eine ziemlich gute Vorstellung, wie die Show wohl meist ablaufen wird. Was war also das Thema der Runde, die ich mir anhörte? Ernährung. Im Speziellen stellte sich eine Gesundheits- und Fitness-Expertin 20 Anhängern der Bewegung rund um »Body Positivity« entgegen.

Die Expertin war Jillian Michaels. Am bekanntesten ist sie durch die Show »The Biggest Loser« und sie scheint auch sonst eine DER Persönlichkeiten zu sein, wenn es um Fitness, Ernährung und Gesundheit geht. Sie ist auch eng mit der MAHA-Bewegung verbunden, wenn ich das richtig verstanden habe. Außerdem scheint sie Donald Trump nicht völlig abgeneigt zu sein. Um es kurz zu machen: Sie ist eine ambivalente Person, mit manchmal vielleicht schwierigen Ansichten. Allerdings interessieren mich in diesem Zusammenhang ihre politischen Ansichten recht wenig. Sie scheint sich als Expertin für ihr Feld auszuzeichnen, und um das geht es hier.

Auf der anderen Seite haben wir die Leute der »Body-Positivity«-Bewegung. Den Grundgedanken kann ich durchaus nachvollziehen. Man soll sich für den eigenen Körper nicht schämen müssen. Die Gesundheitssysteme so mancher Staaten müssen differenzierter an das Thema Übergewicht herangehen. Leuten einfach nur zu sagen, sie müssen abnehmen, ist zu kurz gedacht. Jedoch ist Untergewicht natürlich gefährlich oder kann zu einem ernsten Risiko werden. Natürlich sollte man Menschen nicht wegen ihres Aussehens diskriminieren. Aber die Ansichten, die sich diese „Bewegung“ auf die Fahne schreibt, grenzen an Realitätsverweigerung, Selbstgefährdung bis zu Wahnvorstellungen.

Ganz davon abgesehen, dass niemand den Punkt diskutiert, den Jillian gerade anspricht. Die meisten berichten aus persönlichen Erfahrungen und Gefühlen heraus. Das ist ja nett und toll, wenn die Bewegung ihnen geholfen hat, aber darum geht es nicht. Es geht um die Bewegung als Ganzes. Es geht um Fragen wie: Spielt die Bewegung traumatische Erlebnisse herunter und behandelt das Thema Body Positivity zu oberflächlich? Eigentlich sollten doch die Gründe hinterfragt werden, warum sich Menschen hunderte Kilo Körpergewicht anfressen. Oder: Schreiben sich die großen Lebensmittelkonzerne die Prinzipien der Bewegung auf die Fahnen, um ihre fettigen, zuckerhaltigen Lebensmittel zu verkaufen? Stichwort: intuitives Essen. Die Diskussion anzuhören und zu verfolgen war in allen Sinnen des Wortes: unfassbar. Ich bewundere Jillian Michaels dafür, dass sie in der Diskussion so ruhig blieb und nie wirklich laut wurde.

Da wollten Menschen nicht hören, was massives Übergewicht mit ihnen anstellt (Realitätsverweigerung). Es wird über Begrifflichkeiten diskutiert, wenn doch eigentlich gerade ein anderes Thema im Vordergrund steht. „Obesity“ wird als No-Go empfunden und O-Word genannt. Das einzige Wort, das ich in meiner Welt derart abzukürzen zulasse, ist N-Wort. Vielleicht gibt es noch ein paar Ausnahmen, aber Obesity gehört mit Sicherheit nicht dazu. Andere, eine Ernährungsberaterin etwa, halten es für unethisch, ihren Klienten zu empfehlen, sie sollten doch besser abnehmen. Andere haben nur versucht, ihr Business zu bewerben (z. B. Brautmoden für übergewichtige Menschen). Ganz davon abgesehen, dass die meisten die Verantwortung immer abzugeben versuchten. Die anderen sind schuld an meiner Situation, nicht ich.

Mein persönliches Highlight war allerdings, als eine Dame versucht hat, die Body-Positivity-Bewegung als eine Art Bürgerrechtsbewegung oder Social-Justice-Bewegung zu verkaufen. Hat sie doch glatt versucht, ihre Bestrebungen mit Black Lives Matter oder der LGBTQIA+-Community gleichzusetzen. Der Höhepunkt war, als sie sinngemäß sagte, dass ja bei Stonewall auch dicke Menschen dabei waren. Unfassbar. Mehr fällt mir dazu wirklich nicht mehr ein. Ich habe mir die zweite Hälfte während eines Spaziergangs angehört. In Ruhe, zuhause, das alles anzusehen, wäre mir so nicht möglich gewesen.

Immer wieder erstaunlich, wie manche Menschen in der Lage sind, ihre Realität so sehr zu verbiegen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden ebenso wenig akzeptiert, wie Hausverstand und Vernunft angewendet werden. Die persönlichen Einzelschicksale, die dort zur Schau getragen wurden, waren durchaus mitreißend und bewegend. Leider gingen sie aber an der Grunddiskussion vorbei. Ganz davon abgesehen, dass die Teilnehmer kaum zuhörten oder direkt auf das eingingen, was Jillian Michaels sagte. Das Sendungskonzept finde ich an sich spannend, aber wenn alle so ähnlich ablaufen, erspare ich mir die anderen Ausgaben. Es bringt schlichtweg nichts.