
»Everything X-Men« war ein sogenanntes Projektstudium. Das habe ich während meines Medienwissenschaftsstudiums in Tübingen über die X-Men geschrieben. Ich habe allerdings nicht nur die Comics analysiert, sondern mich auch mit Themen beschäftigt, die in den Geschichten vorkamen oder zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung aufkamen. Die Texte habe ich damals auf Englisch verfasst, möchte sie heute aber auf Deutsch präsentieren. Die initiale Übersetzung machte ich mit DeepL (inklusive der Zitate) und habe den Text anschließend redigiert.
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Einleitung
Vielleicht ist es noch etwas zu früh, um in dieser Phase unserer Reise durch die X-Men-Comics über die Mutanten-Metapher zu sprechen. Allerdings ist die Idee hinter diesem Ausdruck ein so grundlegender Bestandteil der kommenden Geschichten, dass wir zumindest die Grundlagen behandeln müssen, bevor wir weitermachen. Warum können weiße, heterosexuelle Männer (und eine Frau) für alle stehen und eine Metapher für so viele sein? Die Antwort auf diese Frage hat mehrere Ebenen und Aspekte, auf die wir im folgenden Text eingehen.
Jemand, mit dem man sich identifizieren kann
Die einfache Antwort wäre, dass der Begriff „Mutant“ nicht einem einzigen bestimmten sozialen Vorurteil entspricht, sondern durch alle oder keines davon ersetzt werden kann. Es ist also nicht so wichtig, ob die Figuren selbst schwarz, weiß, männlich, weiblich, schwul oder behindert sind. Was zählt, ist der mutierte Teil von ihnen. Zumindest könnte man das als Ausrede verwenden. Natürlich könnte man „Mutant“ mit „schwul“ austauschen, wie wir in früheren ausführlichen Rezensionen gesehen haben. Dennoch spielt das Aussehen der Charaktere immer wieder eine zentrale Rolle. Das Erste, was wir auf dem Cover sehen, ist nicht, dass sie über Kräfte verfügen oder Mutanten sind. Das Erste, was uns auffällt, ist, dass weiße Männer diese Kräfte ausüben. Und da wir in einer Welt leben, in der man ein Coming-out haben muss und somit offiziell deklariert, dass man dem breiten Spektrum von LGBTQIA+ angehört, betrachten wir die Charaktere automatisch als heterosexuell. Das ist die Norm.
Wie Dussere in seinem Artikel „The queer world of the X-Men“ aus dem Jahr 2017 schreibt: „Der Punkt ist nicht, dass die X-Men selbst schwul sind. […] [Sie] ermöglichen es dem jugendlichen Leser, seine eigene Entfremdung in den Erfahrungen dieser Charaktere zu sehen.“
Eine Sache, die die X-Men zu so sympathischen Charakteren macht, ist meiner Meinung nach ihre schiere Anzahl. Es gibt Dutzende Charaktere, die ihre eigene Reihe haben, hatten oder haben werden. Jeder große X-Men-Titel zeigt ein Team, sei es das reguläre „Hauptteam“, wenn man so möchte, die X-Force oder eine andere Zusammenstellung. Man kann sich den oder diejenige aussuchen, mit dem oder der man sich am meisten identifiziert, und diesem Charakter in verschiedenen Titeln folgen. Die Chancen stehen ziemlich gut, dass der ausgewählte Charakter irgendwann in seiner Existenz Teil einer größeren Handlung geworden ist. Oder zumindest in verschiedenen Titeln vorkommt. Bei anderen Superhelden ist es eher binär: Entweder man mag sie oder nicht. Entweder man liest Batman oder Catwoman oder Captain America oder Superman oder Vision oder wen auch immer, oder nicht. Es ist ganz einfach. Aber die X-Men sind und bleiben ein Team. Zugegeben, auch die neueste Inkarnation von »Detective Comics« und »Superman« enthält viele verschiedene Charaktere, aber das ist eher eine aktuelle Erscheinung der Titel und nicht die Regel.
Die X-Men sind allerdings viel mehr als nur ein Team. Sie sind eine Gemeinschaft, die zusammenhält – eine Community: alle für einen und einer für alle. Sie tragen mehr oder weniger einheitliche Kleidung, nehmen andere Namen an und leben unter ihren Mitmutanten. In moderneren Interpretationen wird der Individualismus noch mehr gefeiert und zelebriert. Die einheitliche Uniform ist nicht mehr so wichtig und wenn, dann nur für das Hauptteam oder bei entsprechenden Missionen. Wie wir bereits erwähnt haben, kann man dieses Verhalten, die neuen Namen, die sie sich ausdenken und die vielleicht etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun haben oder eine Anspielung auf etwas sind, mit dem von Dragqueens vergleichen.
Eine weitere Sache, die die X-Men für die LGBTQ-Community interessant macht, ist ihre Mutation an sich. Es ist ein versteckter Unterschied. Natürlich gibt es einige Ausnahmen. Mutanten wie Mystique, Nightcrawler oder später Hank (wenn er blau und pelzig ist) sieht man ihre Mutation an. Die meisten von ihnen sieht man auf den ersten Blick jedoch als normale Menschen. Dies gilt insbesondere für die erste Generation der X-Men. Später wurden ihre Mutationen, wie die drei oben genannten Beispiele zeigen, immer sichtbarer.
