The Odyssey

Ich war zum ersten Mal in diesem Jahr im Kino. Der letzte Film, den ich in einem Lichtspielhaus gesehen habe, war »Avatar 3«. Natürlich geht man für einen Christopher-Nolan-Film ins Kino. Vor allem bei einem Film wie »The Odyssey« möchte ich die Bildgewalt auf einer entsprechenden Leinwand und mit entsprechendem Sound erleben. Freund M. und ich wollten uns dieses Ereignis also nicht entgehen lassen. Leider hat aber genau der Sound dafür gesorgt, dass der Kinobesuch selbst zu einer Odyssee wurde.

Aber von vorne. Es ist immer wieder erstaunlich, welches Staraufgebot Christopher Nolan um sich versammeln kann. Matt Damon als Odysseus, Tom Holland als Telemachos, Anne Hathaway als Penelope, Zendaya als Athene, Lupita Nyong’o als Helena, Robert Pattinson als Antinoos, Charlize Theron als Kalypso, Jon Bernthal als Menelaos, Benny Safdie als Agamemnon, John Leguizamo als Eumaios und Elliot Page als Sinon – um nur einige zu nennen. Jon Bernthal und Tom Holland werde ich zeitnah auch im neuen »Spider-Man«-Film wiedersehen.

Die Geschichte an sich ist gut erzählt. In der ersten halben Stunde folgen wir nur dem Charakter von Tom Holland und sehen, wie das Haus von Odysseus während seiner Abwesenheit verkommen ist. Freier machen sich seit Jahren auf dem Anwesen breit und lassen sich durch das von Zeus geschützte Gastrecht bedienen und bewirten, in der Hoffnung, Penelope würde unter ihnen jemanden zum neuen Ehemann erwählen. Ich habe mich schon gefragt, ob wir die Geschichte aus Telemachos’ Perspektive sehen werden. Macht er sich auf, seinen Vater zu suchen, und durchlebt er selbst die Odyssee? Es wäre möglich gewesen. Aber dann schneiden wir zu einem verwahrlosten Odysseus, der unter dem Einfluss von Kalypso steht.

Hier kommt die Brillanz der Erzählstruktur zum Tragen, denn die Odyssee wird in Rückblenden erzählt. Odysseus erinnert sich langsam wieder daran, wer er ist und wie er dort gelandet ist. Das versöhnt auch ein wenig mit dem hohen Erzähltempo. Denn trotz der dreistündigen Laufzeit sind die einzelnen Stationen nur sehr kurz dargestellt. Wahrscheinlich hätte es sich angeboten, einen Zweiteiler daraus zu machen, aber das hätte die Dramaturgie erschwert. Die Eindrücke des Films sind allerdings dermaßen prägend, dass man manchmal froh ist, nur eine kurze Stippvisite durchlebt zu haben. Es gibt sowohl Body-Horror als auch brutale kriegerische Auseinandersetzungen und natürlich die ikonische Szene mit den Sirenen. Der ein oder andere Schreckmoment darf ebenso nicht fehlen.

Am Ende bleiben auch nur Eindrücke der einzelnen Stationen übrig, da Nolan natürlich noch eine Geschichte erzählen muss. Wir sollen mit den Charakteren mitfiebern, ihre Lebenssituation verstehen und begreifen. Sie stehen im Zentrum und nicht unbedingt die Odyssee. Der zentrale Konflikt betrifft Odysseus, seine Erlebnisse in Troja, die dort begangenen Verbrechen und die Frage, wie er mit den traumatischen Erfahrungen umgehen soll. Kann er sich gegen das Schicksal, das die Götter für ihn ausgewählt haben, wehren? Es ist erstaunlich, wie sehr Troja tatsächlich im Fokus steht und Odysseus geprägt hat. Ich habe Homers »Odyssee« noch nicht gelesen. Vielleicht sollte ich sie einmal nachholen.

Nolan ist ein Meister seines Fachs. Die Bilder sind gewaltig, und man sieht und spürt, dass er auf handgemachte Action, Kulissen und Szenen setzt. Alles hat Gewicht, eine Schwere: die Rüstungen, die unhandlich wirken, die Boote, die nicht schnell genug vom Strand geschoben werden können, oder das hölzerne Pferd mit seinem schier unendlichen Gewicht. Das vermisst man zu oft in modernen Filmen. Haptik macht in einem Film viel aus. Man erkennt CGI – besonders, wenn die Effekte gehetzt erstellt wurden. In »The Odyssey« gehen handgemachte Kulissen und CGI Hand in Hand. So müssen Filme aussehen.

Dann kommt allerdings der Sound. Die Musik ist gewaltig, und alles hat ein eigenes Sounddesign. Leider besteht Nolan allerdings darauf, dass der Film im Dolby Cinema viel zu laut wiedergegeben wird. Es war buchstäblich eine ohrenbetäubende Erfahrung. Am krassesten war die Szene mit dem Zyklopen in der Höhle. Ich hatte Angst, dass mein Trommelfell zerplatzt. Bei den Szenen auf dem Meer dachte man, die Welt explodiere um einen herum. Ich mag es, wenn es knallt, darum gehe ich in eine Dolby-Cinema-Vorstellung, aber das war zu viel. Manchmal war es fast unerträglich laut, und wenn man nach der Vorstellung den Leuten zugehört hat, ging es vielen so. Am Ende hatte ich das Gefühl, die Kristalle in meinem Innenohr spüren zu können. Ich freue mich tatsächlich darauf, den Film in Ruhe zu Hause ansehen zu können.

Ich bin allerdings auch froh, für »The Odyssey« ins Kino gegangen zu sein. Es ist ein bildgewaltiger Film, der eine erstaunlich intime, nahbare Geschichte von Odysseus erzählt. Die Schauspieler*innen sind durchweg auf erstklassigem Niveau unterwegs. Besonders Matt Damon ist mir positiv aufgefallen. Ich unterschätze ihn manchmal etwas als Schauspieler, aber hier liefert er eine atemberaubende Performance ab.